Ein Hoch dem Klamauk-Feminismus

Dumme Klischeeschleuder? Von wegen. Die Vorstadtweiber sind richtig witzig. Eine Huldigung zum Start der zweiten Serienstaffel


Meinung: Barbara Tóth
Medien | aus FALTER 10/16 vom 09.03.2016


Foto: ORF/Thomas Ramstorfer

Foto: ORF/Thomas Ramstorfer

Sie werden gehasst oder geliebt. Dazwischen gibt es wenig. Kaum eine Serie polarisierte so sehr wie die „Vorstadtweiber“. Der Zehnteiler war die erfolgreichste ORF-Eigenproduktions-Serie des letzten Jahres, mit 28 Prozent durchschnittlichem Marktanteil oder 857.000 Seher. Im Frühling lief sie in der ARD. Wie es oft so geht, wurde sie über die deutsche Bande endgültig Kult. Das deutsche Feuilleton arbeitete sich wortreich an den fünf Wienerinnen mit ihren First-World-Problemen ab. „Uninspiriert runtergespielte Flachware aus dem Klischeebaukasten“, urteilte eine Kritikerin der Frankfurter Allgemeine Zeitung über die Darbietung der Schauspielerinnen mit Burgtheater- und Josefstadt-Erfahrung. „Ein großartiger Exzess der Niedertracht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“, freute sich ein Kritiker des Spiegel. Hier sind fünf Gründe, warum man die Vorstadtweiber gesehen haben soll.

1 Die Vorstadtweiber sind weder post- noch antifeministisch, sondern klamauk-feministisch. Wer meint, bei den Vorstadtweibern gehe es nur um die Tagesfreizeit reicher, gelangweilter, dummer Tussis, irrt. Die Stammtruppe der fünf Nobelvorortpflanzen mag röhrende Cabrios fahren, Gartenvillen mit Pool bewohnen, Markenware shoppen – die der ORF dank Produktplatzierungsverbot nur andeuten darf – und dabei ständig Prosecco trinken. Aber im Grunde ist ihr bis ins Klamaukhafte zum Klischee stilisierter Lebensstil hochprekär. Bis auf die Geschäftsfrau Nicoletta, den Business-Vamp, sind sie alle von ihren Männern abhängig, die clever genug waren, gute Eheverträge abzuschließen. Wie schnell eine Frau fällt, zeigt ihnen das Schicksal der studierten Ökologin Sabine, die von ihrem Mann verlassen wurde und nun – unfassbar! – nach sieben Jahren des Nichtstuns wieder richtig arbeiten gehen muss. Wir lernen also: Der Schein trügt, auch im noblen Cottage gelten die gleichen Regeln wie in der wirklichen Vorstadt. Als Frau hast du, wenn du dich nur über deinen Mann definierst, am Ende immer ein Problem. Davor schützt nur eines: selbstständig werden.

2 Die „Vorstadtweiber“ reden zwar dauernd über Sex, aber natürlich geht es um das eigentliche Thema Nummer eins: um Beziehungsmacht. Vorstadtweiber-Drehbuchautor Uli Brée leugnet nicht, dass die US-Erfolgsserie „Desperate Housewives“ ein Vorbild für ihn war, als er seine fünf Protagonistinnen entwarf. Aber wer will, kann ebenso viele Anleihen bei „Sex and the City“ oder dem New Yorker Gesellschaftsepos „Mad Men“ entdecken. Was allen Serien gemein ist: Was die Protagonistinnen fühlen und denken, interessiert am Ende mehr als das, was sie tun oder ihnen zustößt. Wohl auch deshalb drosselt Brée die rasante Rahmenhandlung – es geht um Grundstückskorruption, Mord und Politik – in der zweiten Staffel der Vorstadtweiber zugunsten des Innenlebens der fünf Damen.

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