Neulich im Strumpfband-Radio

Medien und Moderne: Filmerin Manu Luksch erzählt von der "Mobilisierung der Träume"

Lexikon | Interview: Michael Omasta | aus FALTER 11/16 vom 16.03.2016


Foto: polyfilm

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Jedes Zeitalter hält sich für das moderne. So lautet einer der Schlüsselsätze aus dem Filmessay „Mobilisierung der Träume – Dreams Rewired“. Anhand von Szenen aus rund 200 Spiel- und Dokumentarfilmen aus der Frühzeit des Kinos hat Manu Luksch, eine in London lebende österreichische Filmemacherin, zusammen mit den Wissenschaftlern Martin Reinhart und Thomas Tode einen kurzweiligen Streifzug durch die Geschichte der Massenkommunikationsmedien des 20. Jahrhunderts gestaltet: Film, Fonograf, Telefon, Radio, Fernsehen. Den poetischen, von Luksch und Künstler Mukul Patel verfassten Kommentar spricht die Schauspielerin Tilda Swinton.

Falter: „Mobilisierung der Träume – Dreams Rewired“ ist ein Film über kommunikationstechnische Utopien und über die Bilder, die sich das Kino davon gemacht hat. Manche sind urkomisch, andere wirken sehr vertraut. Was macht für Sie die Aktualität dieser Erzählung aus?

Manu Luksch: Unsere emotionale Beziehung zu den Medien, ihre öffentliche Wahrnehmung, folgt einer gewissen Dynamik, die sich stets wiederholt. Am Anfang steht der Aufbruch: Ein neues Medium öffnet sich, alles ist denkbar, alles scheint möglich, es gewinnt Appeal für andere, wird von allen aufgegriffen und zu einem Massenmedium. Dann setzen sich politische oder kommerzielle Interessen durch, das Medium konsolidiert sich, Monopole entstehen, und gleichzeitig fängt es an einer anderen Ecke wieder an zu brodeln. Dann beginnt der ganze Zyklus von vorn.

Hat es Sie überrascht, welche Bilder das frühe Kino fand, um neue Medien wie Radio oder Fernsehen zu imaginieren?

Luksch: Der Film ist sicherlich das Medium, das diese Science-Fiction-Fantasien am erfolgreichsten in Bilder und später auch Töne umgesetzt hat. Genauso verblüffend finde ich bestimmte Novellen aus dem 19. Jahrhundert. „La vie électrique“ von Albert Robida zum Beispiel handelt von einer jungen Frau und dem Phänomen der Elektrizität, von dem zu dieser Zeit ja noch kaum jemand wusste, was es damit auf sich hat und welche Wunderdinge dadurch ermöglicht werden. In dem Buch ist es die Idee, dass man Sachen aus der Ferne auslösen, seine Stimme in Echtzeit woanders hinschicken und sich bald auch über größere Entfernungen sehen kann – also Fernbedienung, Telefon und Skype! Übrigens haben bei Robida in der Zukunft die Frauen das Sagen.

Frauen spielen auch in Ihrem Film eine wichtige Rolle, und zwar nicht nur als sprichwörtliche Fräulein vom Amt, sondern auch bei der Durchsetzung neuer Medien. Alice Guy etwa, eine der Pionierinnen des Films.

Luksch: Im Moment flammt die Debatte um Gender-Equality ja gerade wieder auf. Allerdings wird heute bei der Diskussion über Quoten oder andere Maßnahmen nur selten reflektiert, dass wir bei allen Fortschritten inzwischen auch schon wieder Rückschritte gemacht haben. Das betrifft nicht zuletzt das Kino. Obwohl in den 1920ern strenge Reglements herrschten, welche Berufe junge Frauen ergreifen konnten, gab es damals mehr Regisseurinnen in Hollywood als heute.

Sagte Ihnen der Name Alice Guy etwas, bevor Sie mit der Recherche für den Film begonnen haben?

Luksch: Nein, für mich war das eine echte Entdeckung. Üblicherweise wurden Filme nur mit dem Firmennamen signiert, in dem Fall also Gaumont. Irgendwann war Guys Name dann von der Geschichte völlig ausradiert. Eine andere Filmemacherin, die mir sehr wichtig ist, war Lillian Gilbreth. Ihre Domäne waren Bewegungsstudien, die sie gemeinsam mit ihrem Mann aufgezeichnet hat, um die Bedingungen am Arbeitsplatz zu verbessern und à la longue die Produktivität zu steigern. Dort hat die Welt von Big Data, die von Algorithmen bestimmt wird, ihren Anfang.

Es gibt unfassbare Szenen in Ihrem Film: Eine zeigt eine Frau, die sich an einen Hydranten anschließt, ihren Schirm aufspannt und damit zu telefonieren beginnt. In einer anderen Szene nestelt eine junge Dame an ihrem Strumpfband, um den Radiosender einzustellen. Was ist Ihr liebstes Fundstück?

Luksch: Ich bin während der Arbeit zu einem Fan des Regisseurs Marcel L’Herbier geworden. Wir zitieren aus zwei seiner Stummfilme: „Das Geld“ spielt an der Börse und hat die Gier zum Thema. In „Die Unmenschliche“ ist ein zeitloses Narrativ mit einem unglaublichen 1920er-Scifi-Moderne-Dekor kombiniert. Daraus stammt die Szene, in der eine Opernsängerin im Radio auftritt und dabei live ihr Publikum in aller Welt sehen kann. Siegfried Friedrich, unser Komponist, hat eine eigene Arie dafür geschrieben und aufgenommen. Am Ende geht die Stimme in den unverkennbaren Sound eines Theremins über, das wie ein Symbol für das Zeitalter der Elektrizität ist und für die Euphorie, mit der es begrüßt wurde.

„Mobilisierung der Träume — Dreams Rewired“ läuft im Top-Kino und im Filmcasino (OmU)


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