Kunst Kritik

Schiele vs. Nitsch: Eine Geschichte des Exzesses

Lexikon | MD | aus FALTER 11/16 vom 16.03.2016

Das Mumok wagt eine Gegenüberstellung von Jugendstil und Wiener Aktionismus -und gewinnt. Die von Eva Badura-Triska kuratierte Schau "Körper, Psyche und Tabu" vergleicht die Leitmotive in den Werken von Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Richard Gerstl mit den Arbeiten der Künstler der 1960er-Jahre. Hier wie dort ging es um Körper, Schmerz und den Künstler als Märtyrer, auch um künstlerische Gegenwelten zu der als entfremdend erlebten Gegenwart.

Fotografien der exzessiven Performances von Otto Muehl erinnern an das leidenschaftliche Liebespaar, das Egon Schiele 1917 malte. Oskar Kokoschka erkundete in Porträts psychische Abgründe, während Günter Brus seinen eigenen Körper malträtierte. In den autobiografischen Schriften der Wiener Aktionisten spielt die Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne eine große Rolle. Ihr Angriff auf die Malerei passierte aus demselben Geist, mit dem schon Gerstl &Co gegen die Tradition rebellierten. Beide Künstlergenerationen wollten die Konventionen akademischer Darstellung zerstören, um eine tiefere Wahrheit zu finden. Die Ausstellung führt aber auch eine museumspolitische Misere vor Augen. Das Wiener Modernemuseum kann eine Ausstellung über die lokale Kunstgeschichte nicht aus eigenen Beständen bestreiten, da die wichtigen Jugendstilwerke im Belvedere und im Leopold Museum hängen, was dazu führt, dass ein Großteil der Schiele-Zeichnungen lediglich in Faksimiles zu sehen ist.

Zum ersten Mal versucht eine Ausstellung, die Sixties auf eine Ebene mit der Zeit um 1900 zu heben, wenn auch nur in fragmentarischer Form. Die Wiener Aktionisten haben international noch lange nicht den Rang eines Egon Schiele erreicht. "Körper, Psyche und Tabu" ist daher ein wichtiger Versuch, die Kategorien der Kunstgeschichte nachzuschärfen.

Mumok, bis 16.5.


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