Selbstversuch

Und sich erinnern, wie es früher war

Doris Knecht weiß es noch

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 11/16 vom 16.03.2016

Nostalgieattacke beim Auftritt vom Orchester 33 1/3 in Krems. Sehr lässiges Konzert, sehr feiner Abend. Es sind zwar nicht mehr alle von der Originalbesetzung dabei, aber die, die nicht mehr dabei sind, wurden fast durchwegs durch Frauen ersetzt, was in vielerlei Hinsicht gut ist. Und die, die noch dabei sind, die erkennt man nach wie vor, auch nach 20 Jahren, das ist schön. Denn wie auch Peter Hörmanseders im Vorfeld gezeigter Orchester-Film von 1996 augenfällig beweist, sehen im Unterschied zum Klassentreffen hier alle noch ziemlich gleich aus, tragen die gleichen Pullunder, Hemden, Frisuren und Sneakers wie damals.

Das markiert offenbar eben doch den Unterschied von Künstlerbiografien zu den meisten anderen Existenzen, dass die Notwendigkeit, auch äußerlich erwachsen zu werden, nicht zwingend gegeben ist. Kann man, muss man aber nicht, man kann einfach zart angegraut und etwas zerknittert in die allmähliche Vergreisung hinüberdackeln, ohne dass man an etwas Derartiges wie eine altersadäquate Kostümierung einen Gedanken verschwenden müsste. Das ist praktisch, und ressourcenschonend und garantiert die Wiedererkennung, sehr nützlich und erfreulich, aus naheliegenden Gründen.

Jedenfalls sitzt man und horcht und freut und erinnert sich, wie das früher war. Und noch früherer, als Kurzmann mit Helmut Heiland noch Extended Versions war. Man erinnert sich auch, was damals politisch los war, wofür man sich engagierte, und das kommt einem im Vergleich zu den aktuellen Anforderungen fast leicht vor: Frauenrechte, Homorechte, Wehrdienstverweigererrechte, klar umgrenzte Ziele, die man verfolgen, eindeutige Gegner, mit denen man streiten konnte. Wobei man, auch das ist erfreulich, zum Teil noch immer auf dieselben Menschen trifft, die sich früher für Wehrdienstverweigerer engagierten und nun für die Grünen im Gemeinderat sitzen und sich unter anderem für Flüchtlinge einsetzen.

Weil: Die Bilder von Idomeni kann man nicht ignorieren. Und die sozialen Netzwerke sorgen dafür, dass niemand wird sagen können, man habe davon nichts gewusst.

Alle können es sehen. Und wenn Außenminister Kurz sagt, es werde "nicht ohne hässliche Bilder gehen", dann sage ich: nicht in meinem Namen. Ich sehe diese Bilder und ich akzeptiere sie nicht. Ich möchte in einem Land leben, das sich diese Bilder nicht einfach emotionslos anschaut. Das nicht zuschaut, wenn an seinen Grenzen Familien in kleinen Zelten und im Schlamm vegetieren, wenn aus "Notwehr", wie der Kanzler sagt, Kinder in Lebensgefahr gebracht werden, in der Kälte, in der Nässe, mangelhaft ernährt, medizinisch kaum versorgt. Ich möchte in einem Land und in einem Europa leben, das Hilfesuchende nicht im Stich lässt, das sich kümmert, das nicht einfach nur panisch dichtmacht und sich verbarrikadiert gegen Frauen und Kinder, die aus der Hölle des Krieges geflohen sind. Wie Europa, die Union hier agiert: Es ist so stillos, so würdelos. Und so kindisch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige