Tiere

Dichthalten

Peter Iwaniewicz trotzt wie Ott os Mops

Falters Zoo | aus FALTER 11/16 vom 16.03.2016


Während die jährliche Produktion deutschsprachiger Bücher bereits 110.000 Titel überschritten hat, befindet sich der Anteil an Lyrikbänden seit Jahren im freien Fall: Nur 1,2 Prozent der Belletristik sind poetische Werke. Um es mit den bildhaften Worten der Dichterfürsten zu formulieren: Eine Riesensauerei! Ähnlich dachte vermutlich der Bürgermeister von Wels und ließ die städtische Dienststelle „Kindergärten und Horte“ einen Wertekodex in ungebundener Sprache formulieren. Neben gepflegter Partykultur (feiert christliche Feste, wie sie fallen) und Nikolausanbetung wird von den Kindern verlangt, mindestens fünf deutschsprachige Lieder und Gedichte rezitieren zu können. Ja, so geht Hochkultur! Da leider das in Zukunft verpflichtend einzustudierende lyrische Lied- und Gedichtgut noch nicht vorliegt, will ich gerne hilfreich zur Seite stehen. Naturgemäß – ich würde sogar sagen tiergemäß – sollten wir uns an anderen Lebewesen moralisch emporranken, wobei man von simplen, sinnfreien Kinderversen („Die Eule, die Eule, die hat am Arsch ’ne Beule“) tunlichst abzusehen hat. Gut geeignet, um wichtige Einsichten in die bäuerliche Kultur zu vermitteln, ist Wilhelm Buschs „Naturgeschichtliches Alphabet für größere Kinder und solche, die es werden wollen“: „Die Gams im Freien übernachtet / Martini man die Gänse schlachtet.“ Da reimt sich alles. Bei Alexander Graf von Pocci lernt man Mathematik und feines Benehmen gleichermaßen: „Sechs mal neun ist vierundfünfzig / die Nase riecht das Tier und rümpft sich.“ Wahre Worte. Dass poetische Texte über ihre lyrische Bedeutung hinaus dem Einzelnen bei der Verortung in der Gesellschaft dienen können, beweist uns Robert Gernhardt mit diesem Vierzeiler in meisterlicher Manier: „Hunde, die beim Bellen rauchen / sollte man zusammenstauchen / Hunde, die nach Gründen fragen / sollte man zusammenschlagen.“ Weniger geeignet ist hingegen das von Franz Schubert vertonte Lied von der „Fröhlichen Forelle“. Dieser Fisch ist nicht nur launisch, sondern widersetzt sich auch seiner gottgewollten Bestimmung, an der Angel des Fischers zu hängen. Ich fordere mehr Gedichte für den Alltag. Und Reime von und für Gemeindevorsteher. In Anlehnung an Robert Gernhardt gilt: Ich weiß nicht, was ich bin / Ich schreibe das gleich hin / Da hab’n wir den Kleister / Ich bin ein Bürgermeister!


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