Film Retrospektive

Die zweite Welle: Eustache - Cineast aus der Provinz

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 11/16 vom 16.03.2016

Seinem Kino nähert man sich mit Gewinn, aber auf eigenes Risiko. Als Kameramann Pierre Lhomme ihn zum ersten Mal traf, warnte er ihn: für "Die Mama und die Hure" stünde nur ein minimales Budget zur Verfügung, der Drehplan sei knapp bemessen. "Das größte Problem ist jedoch", weihte ihn Jean Eustache ein, "dass es bei meinen Dreharbeiten immer einen Selbstmord gibt. Beim letzten Film war es ein Kameraassistent." Die Dreharbeiten fanden unter ungeheuren Spannungen statt, größtenteils in Eustaches eigener Wohnung. Und Eustache sollte Recht behalten: Die Kostümbildnerin brachte sich nach der Premiere um. Sein eigener Freitod 1981 scheint, wie der von Diane Arbus oder Sarah Kane, die Verzweiflung seines Werks, ein erhabenes Leiden an der Wirklichkeit zu beglaubigen.

Seine Filme seien so autobiografisch, wie Fiktion es nur sein kann, erklärte er einmal. Regelmäßig erkundete er in seinem schmalen Œuvre - nur gut ein Dutzend Filme in 20 Jahren - seine eigene Provinzherkunft. Er war praktisch der erste französische Filmemacher, der nicht aus dem Bürgertum stammt. Nach der Premiere in Cannes wurde "Die Mama und die Hure" in Frankreich als Quintessenz all dessen gefeiert, was das Kino seit Beginn der Nouvelle Vague vor 15 Jahren umgetrieben hatte.

Vor allem jedoch ist der Film ein atmosphärisches Zeitbild, eine Innenansicht der Pariser Bohème nach dem Mai 1968, ein karger Abenteuerfilm der Körper und Worte. Seinen Figuren steht nicht viel mehr zu Gebot als ihre Beredsamkeit und der Drang, das Leben um sich herum zu inszenieren. Einerseits eröffnet Eustaches Kino tatsächlich einen ungeschönten Blick auf das Leben, den es auszuhalten gilt. Aber zugleich verrät es eine feinnervige Vitalität, unbändige Neugierde und elegante Ironie.

Bis 6.4. im Österreichischen Filmmuseum


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