Besuch bei der alten Dame

Was zuerst aussieht wie ein Déjà-vu, ist dann doch etwas anderes

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 11/16 vom 16.03.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Quereinsteiger – einer aus dem Marketing, einer Künstler –, die aus einem ehemaligen Möbelladen in Mariahilf ein Lokal machen, zeitgemäße Jungmenschen-Küche kochen und darüber hinaus auch noch Möbel renovieren, die man vor Ort auch gleich kaufen kann. Ja, das ist ein Konzept, bei dem man sich zwangsläufig Fragen stellt wie „Schon wieder?“ oder „Hatten wir das nicht schon einmal?“

Wobei man Andreas Ebner und Julian Oberhofer jetzt natürlich schwer einen Vorwurf daraus stricken kann, ein Lokal zu machen, das exakt so aus einer deutschen Vorabendserie stammen könnte.

Was man vielleicht negativ anmerken könnte, wäre die etwas respektlose Verwendung des Namens einer wichtigen historischen Figur für ein Lokal, aber okay, derartige Bedenken sind wahrscheinlich eine Frage der Generation.

Was man definitiv negativ anmerken kann, ist die haarsträubende Akustik: Fliesenboden, hohe, leere Wände und bis auf ein paar Gummibäume nichts, was den Schall irgendwie dämpfen würde, sorgen bei Vollbesetzung für einen Lärmpegel, der sich gewaschen hat.

Was bei der Karte als Erstes auffällt, ist, dass ein paar Zutaten extrem oft zum Einsatz kommen, vielleicht war aber auch gerade Rote-Rüben-Cashew-getrocknete-Tomaten-Themenabend. Rote-Rüben-Quiche mit Feta auf Salat, zum Beispiel, eh nett, ein bisschen breiig vielleicht (€ 9,80), oder mit Roten Rüben gefüllte Semmelknödel auf Rotkrautsalat, geschmacklich jetzt kein so wahnsinnig bleibender Eindruck, dafür aber optisch (€ 10,20). Ganz ohne die hegemonialen Zutaten erwiesen sich die Tortillas mit Schweinebauch, Radieschen, Avocado und Salat, zu zwei Rouladen gerollt, allerdings ein bisschen fade (€ 6,40), oder sehr guter gebeizter Saibling auf Salat mit einer irrwitzigen Stör-Terrine, die leider nur aus Schlagobers zu bestehen schien, mit klebrigen Goji-Beeren oben drauf (€ 11,20). Und das seltsamste Gericht von allen: Gulasch vom Roten Waller mit blauer Speck-Kartoffel-Creme. Das war ein Teller mit (recht wenig) rahmigem Fischgulasch, in dem ein Gläschen mit dieser Creme stand, die ein bisschen nach nichts schmeckte und an aufgetautes Vanilleeis erinnerte (€ 14,20).

Und nun zu den wirklich markanten Punkten des Otto Bauer: Im Keller hat man – neben der Möbelwerkstatt – eine Plantage für Kräuter errichtet, mit allem, was man in Growshops dafür bekommt, die ist aber noch nicht in Betrieb. Und im Service ist eine alte Dame tätig, die im Haus wohnt. Sie besticht durch Eleganz und silbernes Schuhwerk, streift durch die Tischreihen und vermittelt einem das Gefühl, von Großmutter beobachtet zu werden. Sie zögert nicht, die Speisekarte zu entfernen oder Kerzen nachzureichen, ob man das jetzt will oder nicht, serviert – anders als zu Beginn des Otto Bauer – jetzt aber nicht mehr ab, während man noch isst.

Resümee:

Eine Speisekarte, die eine gewisse Fokussiertheit erkennen lässt, eine Leider-noch-nicht-Kellerplantage und die strenge alte Dame.

Otto Bauer
6., Otto-Bauer-G. 13
www.ottobauer.at


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