Film Neu im Kino

Kühl aufgetürmte Anklage: "Mustang"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 12/16 vom 23.03.2016

Fünf verwaiste Schwestern, die in einem Dorf in der Nordosttürkei leben, toben an einem Sommertag auf harmlose Weise mit Schulkollegen im Meer herum. Als sie zu ihrer Großmutter heimkommen, erwarten sie schwere Vorwürfe: Eine Nachbarin hätte ihr unzüchtiges Verhalten gesehen.

Ihr herrischer Onkel lässt daraufhin das Haus verbarrikadieren. Sie dürfen nicht mehr zur Schule gehen, sondern erhalten Unterricht in Haushaltsführung. Auch wenn die Mädchen sich zunächst wehren und regelmäßig ausreißen, zieht sich eine Schlinge grotesker patriarchalischer Unterdrückungsmechanismen zusammen: Einem ärztlichen Jungfräulichkeitsattest folgt die Anweisung, sackartige Kleider zu tragen. Kurze Zeit später kommt das Thema Verheiratung auf.

"Mustang" ist der erste Langfilm der türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven. Mit großer Sorgfalt und Schönheit inszeniert sie die jugendliche Anmut, die Energie und den Freiheitsdrang ihrer bildhübschen Darstellerinnen. Für Mitgefühl aufseiten des Kinopublikums bleibt aber kaum Zeit, als die wachsende Ausweglosigkeit tragische Konsequenzen nach sich zieht. Stattdessen türmt Ergüven mit einem fast dokumentarischen, kühlen Tonfall eine bittere Anklage auf. Auch wenn es der ältesten Schwester gelingt, im Rahmen der Tradition ihr Glück zu finden, wird klar ausgeschlossen, dass darin nur ein Quäntchen Haltbarkeit zu finden sein könnte. Spätestens dann, wenn der Onkel in der Nacht eines der Mädchen aufsucht, zeigt die Doppelmoral ihre Fratze.

Dennoch lässt Ergüven auch die Hoffnung spüren, dass die Kraft der jungen Frauen die gesellschaftliche Unterdrückung überwinden könnte: Nesthäkchen und Erzählerin Lale lehnt sich auf. Ob es ihr vergönnt sein wird, in Freiheit zu leben, bleibt offen.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Top und Votiv)


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