Theater Kritik

Platt und schön: Burnout bei Tschechow

Lexikon | SS | aus FALTER 12/16 vom 23.03.2016

Nikolaj Alexejewitsch Iwanow ist deprimiert. Er hat nicht nur kein Geld, sondern auch eine todkranke Frau, die er nicht mehr liebt. Er ist von allem genervt und von allem gelangweilt. Jan Thümer spielt die titelgebende Rolle und ist der stille Held dieses Abends. Apathisch wandert er im weißen Feinripp-Unterhemd über die Bühne und scheint nirgends wirklich dazuzugehören. Auf seine verzweifelt an der Lebenslust festhaltende Frau Anna Petrowna (Stefanie Reinsperger) reagiert er abweisend und ihren Arzt (großartig steif: Gábor Biedermann) hasst er regelrecht. Damit ihm nicht alles vergeht vor lauter Tristesse, fährt er jeden Abend zu den Lebedews, wo sich ihm die junge Tochter Sascha (viel zu mädchenhaft schmachtend: Nadine Quittner) an den Hals wirft.

Der ungarische Regisseur Viktor Bodo hat Tschechows Tragödie "Iwanow" inszeniert und herausgekommen ist ein durchaus schöner Theaterabend. Das Bühnenbild (Lőrinc Boros) ist realistisch: Abgeranztes Holz trifft auf schäbige, pastellfarbene Fliesen, milchige Fensterfronten auf dreckige Heizkörper und einen kaputten Parkettboden. Das ästhetische Ostblock-Flair erinnert an die Stücke von Alvis Hermanis. Auch der surrealistische Witz hat was davon, wie die Jagd nach einer Stubenfliege oder eine Uhr, deren Zeiger im Rekordtempo läuft. Dazwischen gibt es live melancholische Klavier- und Cello-Töne und in typischer Tschechow-Manier heißt es inflationär: "Mir ist so langweilig."

Wenn im großen Slapstick-Stil gestolpert wird oder eine Zahnprothese durch die Luft fliegt, ist Bodos Inszenierung allerdings etwas platt und zu sehr auf Lacher aus. Die subtile Komik des Textes, die sich beispielsweise im Geiz von Frau Lebedew (super: Steffi Krautz) zeigt, geht so beinahe verloren. Das ist schade, der Abend lebt nämlich vor allem von den starken Momenten des Nichtgesagten.

Volkstheater, So, Mi 19.30


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