Fragen Sie Frau Andrea

Blaulicht am Örtchen

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 12/16 vom 23.03.2016

Liebe Frau Andrea,

letzte Woche musste ich bei der Wiener Gebietskrankenkasse am Wienerberg antanzen, weil ein paar Papierln nicht in Ordnung waren. Die Toiletten im Empfangsbereich dort sind in schrillem Blau beleuchtet. Ist dort jetzt auch der Keimfreifimmel ausgebrochen, wie in den neuen Flugzeugtoiletten? Liebe Grüße, Karin Kostas, per Wolkenkabelbrief

Liebe Karin,

in der Presse zirkulierten vor geraumer Zeit Nachrichten über neue Hygienetechniken für Passagierflugzeuge. Ist die reisende Bevölkerung doch mit der Problematik dauerbenutzter Bordtoiletten konfrontiert. Der menschliche Stoffwechsel fordert auch auf Langstreckenflügen seinen flüssigen und festen Tribut: Statistisch gesehen muss in vielstündiger Luftfahrt jede und jeder mal aufs stille Örtchen. Putzkolonnen sind bekanntlicherweise keine an Bord. Das fliegende Personal ist in vielfältiger Weise anders eingesetzt. Nur in Notfällen müssen die Luftkellnerinnen mit dem Kabinenbürstchen oder dem Bordmop anrücken. Eine neu entwickelte technische Lösung des Flugzeugbauers Boeing sieht die Selbstreinigung der Flugzeugklos vor. Wie das geschehen soll? Durch Bestrahlung mit UV-Licht. So genanntes "fernes Ultraviolett-Licht" - es umfasst jenseits des sichtbaren Lichts (780 bis 380 nm) die Wellenlängen zwischen 280 und 200 Nanometer - soll in der Lage sein, 99,9 Prozent aller Bakterien und Pathogene auf einer Oberfläche zu eliminieren. Sogar Gerüche werden entfernt, schwärmen die Techniker. Mal sehen, sagen die Pragmatiker.

Die Toiletten am Wienerberg werden von anderem Licht eingebläut. Das hygienische Motiv hat eine andere Gewichtung. Das Blaulicht kommt aus der Leuchtstoffröhre und soll auf den Menschen selbst einwirken, speziell auf den Intravenös-Heroinisten, im täglichen Sprech "Junkie" genannt. Blaulicht wird seit Jahrzehnten in einschlägig frequentierten Toilettenanlagen als Seherschwernis eingesetzt. Es soll das Auffinden der Venen und damit das Setzen von Schüssen verunmöglichen: In blauem Licht sieht man die blauen Venen kaum. Tatsächlich wollen die Blaulichttoilettenbetreiber damit die Junkies selbst vertreiben und mit ihnen eine traurige Begleiterscheinung der Sucht: Liegengebliebene und Suchtverunfallte hinter versperrten Klotüren.

www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina


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