Musiktheater Kritik

Farce um Sex, Intrige, Heuchelei und Betrug

Lexikon | HR | aus FALTER 12/16 vom 23.03.2016

Viva, il caro Sassone!", jubelte das Publikum im venezianischen Opernhaus des Kardinals Grimani, der als buffonesker Librettist das römische Papsttum aufs Korn nahm. Der Sachse Händel stellte mit der germanischen Feldherrntochter Agrippina, die als Gattin des Kaisers Claudius ihren Sohn Nero an die Macht bringen will, in Italien sein überragendes Können unter Beweis.

Als SPQR-Duce lässt Robert Carsen den korrupt-dekadenten Kaiser (Mika Kares) vom Berlusconi-TV in einem Mussolinipalast (Rede: "Ich bin Roms Jupiter") filmen, zuvor auch bereits Agrippinas Muttersöhnchen Jake Arditti bei einer Geldverteilung an verkleidete falsche Arme. Die von Patricia Bardon sehr gut dargestellte Mama hat sich als alternde Lederrock-Sexbombe der Loyalität zweier Höflinge versichert, wie "Dynasty"-Clanintrigen verlaufen auch etwas hausbackenere Szenen mit der schönen Poppea (Danielle de Niese) im Plüschinterieur. Als General Ottone (Filippo Mineccia) vom Kaiser zum Erben ernannt wird, intrigiert die coole Agrippina, indem sie Poppea glauben lässt, Ottone habe sie verraten. Die lädt alle drei Männer, die auf sie geil sind, zu sich nach Hause ein und entlarvt schließlich Nero als den ihr Nachstellenden.

Die zur Farce gesteigerte Satire noch farcenhafter auf die Bühne zu bringen, erlebte man dann eher als Schwäche dieser Inszenierung, die zuhauf Männer in Unterhosen und Playmates in Bikinis zeigt. Der gut singenden, aber zu plakativ outrierenden Poppea hätte man sagen müssen, sie solle echte Gefühle einer Liebenden zeigen, so, wie es Agrippina im zweiten Teil vermochte, die Bedrängnis durch die Dämonen ihrer eigenen Gedanken frei von Ironie zum Ausdruck zu bringen. Als letzter Regiegag wird Ottone dann vom neuen Kaiser Nero noch schnell umgebracht.

Theater an der Wien, Di, Do 19.00 (bis 2.4.)


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