Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Das beste Aktgemälde der Welt der Woche

Feuilleton | Nicole Scheyerer | aus FALTER 13/16 vom 30.03.2016

Da das russische Publikum an der Avantgardekunst viel weniger Freude hat als etwa an Ikonen oder Ölschinken aus dem 19. Jahrhundert, schicken die Museen ihre Schätze bereitwillig auf Auslandstournee.

Zu den 90 Leihgaben aus dem Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg, mit denen die Albertina nun ihre Ausstellung "Chagall bis Malewitsch" bestreitet, zählt auch ein so reizendes wie respektloses Aktgemälde von Michail Larionow.

Da liegt eine "Venus" auf einem Bett wie vor ihr in der Kunstgeschichte unzählige Odalisken und löst doch unmittelbar Schmunzeln aus. Die Leichtigkeit und Ironie, die der russische Maler seiner Liebesgöttin bereits 1912 verleiht, sucht um diese Zeit ihresgleichen.

Das fängt schon mit der gelben Farbe an: ein Spott angesichts der ewigen Mühen von Malern, die Haut, das sogenannte "Inkarnat", richtig hinzubekommen. Dann die schlichten Konturen, in denen die Hüften und kleinen Brüste gefasst sind. Sie sehen wie von Kinderhand aus, erzeugen aber eine tolle plastische Qualität. Ein patschertes Engerl zieht der Nackten die Tuchent weg - oder will es sie zudecken? Mehrere Inschriften - etwa die übergroße Jahreszahl 1912 - bringen den Pinselstrich der Handschrift nahe. Mit seiner Geliebten Natalia Gontscharowa - von der auch tolle Gemälde gezeigt werden - studierte Larionow die russische Volkskunst der sogenannten "Lubki". In diesen satirischen Bilderbogen machte sich das Volk über die Herrscher lustig. Den Revolutionskünstlern lieferten diese Comicvorläufer ein Vorbild in puncto Vereinfachung

Larionows Venus trägt zwei Zöpfe mit roten Maschen und schaut am Betrachter vorbei. Sie wirkt so lustig und gleichzeitig weise, wie es auch kleine Kinder oft tun.


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