Kunst Kritik

Das fragwürdige Gewicht der deutschen Historie

Lexikon | NS | aus FALTER 13/16 vom 30.03.2016

Eine erste Beobachtung bei Anselm Kiefer in der Albertina: Der Rhein heißt auf den monumentalen Holzschnitten des deutschen Starkünstlers nur mehr "Rein" und die "Reintöchter" liegen recht pornomäßig mit gespreizten Beinen in dem gemächlich dahinfließenden Gewässer. Kiefer will mit der Auslassung des "h" aber nicht auf Sauberkeit hinaus, sondern auf die altertümliche Schreibweise des Flusses, denn deutsche Historie und Mythen sind sein Steckenpferd. So strotzt es in dieser Schau riesiger Drucke und Collagen von bedeutungsschweren Versatzstücke aus der Nibelungensage und der Kriegs- und Geistesgeschichte seiner Heimat.

Die Machart ist originell: Kiefer druckt mit Ölfarbe und Schellack mehrfach auf Papier, lässt seine Unikate durch Farbeinsatz vergilbt aussehen und setzt auch die Holzmaserung ein. Es passt, dass er schon mehrfach Bühnenbilder gestaltet hat, denn diese düsteren Ansichten des auch als "Nationalmaler" bezeichneten Künstlers scheinen wie aufgelegt für die Opern Richard Wagners. Der Schöpfer des "Rings des Nibelungen" ist natürlich auch in der Ahnengalerie vertreten, die deutsche Genies wie Kleist, Bismarck oder Heidegger versammelt. Es handelt sich aber nicht um die persönlichen Helden Kiefers, er hat dafür in Publikationen aus der NS-Zeit geschmökert und will deren propagandistische Vereinnahmung zeigen. Als Gegenbild greift er auf Germaine de Staëls schwärmende Deutschlandsbeschreibungen von 1810 zurück.

Durch ihre überwältigenden Formate, die oft wiederholten Motive und deren Pathos ermüdet die Werkauswahl bald. Neugierig machen indes die Bunker und NS-Bauten, die Kiefer integriert. Deutschtum ist genialisch und düster, so lautet Kiefers Message, auf die man heute doch locker verzichten könnte.

Albertina, bis 19.6.


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