Kommentar Religion

Der Papst als Fußpfleger: Luxusmoral oder Engagement?

Falter & Meinung | Matthias Dusini | aus FALTER 13/16 vom 30.03.2016

Zu den Riten des Gründonnerstags gehört es, dass katholische Priester zwölf Freiwilligen die Füße waschen. Diese Handlung ist ein Zeichen christlicher Nächstenliebe und erinnert daran, dass Jesus Christus den Aposteln die Füße wusch, bevor er hingerichtet wurde.

Papst Franziskus wählte heuer die Bewohner einer römischen Asylbewerberunterkunft und eine Mitarbeiterin der Einrichtung aus, kniete sich nieder, wusch und küsste ihnen die Füße. Für das 79-jährige Kirchenoberhaupt war das eine "brüderliche Geste" angesichts von Krieg und Gewalt.

Der Kirchenkaiser als Fußpfleger und der Letzte als Erster: Der Psychoanalytiker Béla Grunberger hat solche für das Christentum typischen Inversionen einmal eine Luxusmoral genannt, die der Realitätsprüfung nicht standhält. Ist auch die Fußwaschung des Papstes so eine ästhetischnarzisstische Performance, großzügig und barmherzig, aber nicht anwendbar? Tatsächlich ist die Aktion als Vorbild für den Alltag eher ungeeignet. Zwar wird immer wieder gefordert, dass Flüchtlinge für die Altenpflege herangezogen werden, was aber nicht heißen soll, dass die Alten die Flüchtlinge pflegen. Es stimmt also, dass es bei dieser Demutsgeste auch um eine moralische Selbsterhöhung geht, um einen masochistischen Lustgewinn, der den Migranten zum Objekt degradiert.

Andererseits beugen sich Politiker über Landkarten und besiegeln so das Schicksal tausender, während die franziskanische Verbeugung daran erinnert, dass Brüderlichkeit vulgo Solidarität Berge versetzen kann. Wenn die Footmodels Jobs in der Pediküreabteilung des Vatikan bekommen haben, hat die Luxusmoral ihre Realitätsprüfung bestanden.


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