Kunst Tipp/Vernissage

Ein Vierteljahrtausend heiteres Volkstreiben

Lexikon | NS | aus FALTER 13/16 vom 30.03.2016

Hans-Peter Wipplinger, der neue Direktor des Leopold Museums, hat schon die Kunsthalle Krems auf Vordermann gebracht und eröffnet nun die ersten beiden monografischen Ausstellungen unter seiner Ägide. Die Kombination des 1919 verstorbenen deutschen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck mit der 1964 geborenen Belgierin Berlinde De Bruyckere hört sich spannend an.

Während aus Lehmbrucks figurativen Bronzen Verletzlichkeit und Gefühlstiefe sprechen, taucht man mit Bruyckeres Wachsskulpturen in eine unheimlich deformierte Fleischeswelt ein, die oft an christliche Leidensdarstellungen erinnert.

In Deutschland ist Lehmbruck als Erneuerer der Skulptur eine fixe Größe, hierzulande war noch nie eine Retrospektive des um 1910 in Paris geschulten Künstlers zu sehen. Konfrontiert mit Einflüssen von Auguste Rodin ebenso wie Alexander Archipenko entwickelte Lehmbruck seine ganz eigene expressive Formensprache. Der abstrahierte menschliche Körper steht dabei im Zentrum, und mit ihm drückt der Künstler vor allem in den Kriegsjahren Leid aus. Die Schau zeigt auch Arbeiten von Joseph Beuys, der Lehmbruck als Vorbild sah.

Bei De Bruyckere, Tochter eines Metzgers und Jägers, bleiben vom Leib oft nur Körperteile oder formlose Tentakel übrig. Sie setzt für ihre stets an die Vergänglichkeit gemahnenden Plastiken auch Bandagen ein und verknüpft diese Arbeiten mit Ästen oder Wurzeln.

Für den belgischen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2013 schuf die Künstlerin die wuchtige Arbeit "Krüppelholz", die durch rote Farbe auch an Knochen und menschliche Überreste erinnerte. Bruyckeres Kunst wurde als "materialisierter Schmerz" bezeichnet, nun also auch in Nachbarschaft zu Leidensbruder Egon Schiele.

Leopold Museum, Do 19.00, bis 5.9.


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