Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Kotz Koks!

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 13/16 vom 30.03.2016

Den Titel des Berichts können wir heute nicht mehr umstandslos bringen: Nennen wir ihn "N-Jäger auf der Pirsch". Es ging um die Praktiken von Polizisten auf der Jagd nach schwarzafrikanischen mutmaßlichen Drogendealern. Die Methoden der Fahnder waren unorthodox oder vielmehr äußerst orthodox. Sie waren schlicht rassistisch. Anlass: Ein Nigerianer, des Suchtgifthandels angeklagt, konnte vor Gericht beweisen, dass er damit nichts zu tun hatte.

Alwin Schönberger folgt einem Fahnder, nennen wir ihn G. (im Falter war er mit vollem Namen abgedruckt, es folgte keine Klage, aber man kann ja nie wissen)."G. ist wieder auf der Pirsch. Diskret folgt er einem Schwarzen in die McDonald's-Filiale in der Mariahilfer Straße und setzt sich an einen Nebentisch. Dem Koks-Cop entgeht nichts:'Man kann deutliche Schluckbewegungen sehen', protokolliert er später über den Verzehr eines Hamburgers. Als dem Nigerianer ein Taschentuch zu Boden fällt, stürzt sich G. auf den verdatterten Schwarzen - beide Männer purzeln zu Boden. Worauf die vor dem Lokal wartende Verstärkung die Imbisshütte stürmt, den Verdächtigen nach draußen zerrt und perlustriert. Kokain finden sie nicht, das Corpus Delicti im Taschentuch entpuppt sich als kaputte Halskette.

Die Polizisten stochern im Mund des Nigerianers herum, versuchen, ihn zum Erbrechen zu bringen. Vergebens -er spuckt kein Kokain aus. Im März 1996 wird er trotzdem zu sechs Monaten bedingter Haft verurteilt: wegen Suchtgifthandels und Widerstands gegen die Staatsgewalt. Und, da er sich hartnäckig geweigert hat, Koks zu erbrechen, ist er gleich noch einmal schuldig - wegen Beweismittelunterdrückung."

Es waren bewegte Zeiten. Bei einer Razzia im Lokal Cem in der Seidengasse im siebenten Bezirk, einem schillernden türkischen Szenelokal: Es wurde von "brüllenden schwerbewaffneten Polizisten" gestürmt, welche die Gäste zwangen, stundenlang mit erhobenen Händen dazustehen. Immerhin wurde bei der Aktion niemand erschossen, nicht einmal verletzt. Alt-Wien war auch schon ungemütlich.


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