Söhne Mannheims

Einer der besten Köche Deutschlands macht jetzt eine Greißlerei in Heiligenstadt

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 14/16 vom 06.04.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Juan Amador, 52, erkochte sich in Deutschland Superstar-Status. Voriges Jahr sperrte er seine Lokale, ging nach Wien und plante hier ein bombastisches Restaurant im Cabaret Renz. Daraus wurde dann aber nichts und Amador tat sich mit Wiens Vorzeige-Winzer Fritz Wieninger zusammen, der nach der Übernahme des Weinguts Hajszan dessen Restaurant in Heiligenstadt leer stehen hatte.

Im Februar gab’s eine Pressekonferenz, in der Amador bekannt gab, hier nun ein Wirtshaus und eine Greißlerei machen zu wollen, was angesichts seiner Michelin-Bewertung von drei Sternen (in Österreich gibt es nur Zweisterner, drei davon in Wien: Steirereck, Mraz & Sohn, Silvio Nickol/Coburg) doch etwas verblüffte. Und er sagte auch, dass er die Sterne-Küche am Schluss gehasst habe – nachvollziehbar, das hört man von vielen Aussteigern aus dem Gourmet-Zirkus.

Mitte März eröffnete das „Wirtshaus“, und siehe da, es ward doch wieder ein Gourmetrestaurant mit zwei achtgängigen Menüs à 125 Euro, bestehend größtenteils aus erfolgreichen Gerichten seiner Dreistern-Restaurants in Mannheim. Sagen wir so: Eh toll, aber da hatte man sich halt ein bisserl was anderes erwartet.

Und um die Verwirrung komplett zu machen, wurde nun auch die „Greißlerei“ eröffnet. Die ist natürlich genauso wenig Greißlerei wie das Wirtshaus Wirtshaus ist, vielmehr ist die Greißlerei eine Art wirtshausmäßiger Vorraum des Restaurants, Holzboden, Ziegelgewölbe, vier Holztische und ein langer Glastisch, Meisterbäcker Helmut Gragger stellte einen Backofen fürs eigene Brot in den Hof; die Regale sind allerdings noch leer, Körbe stehen herum, ein bisschen hat man das Gefühl, das Projekt „Greißlerei“ sei entweder noch nicht ganz fertig oder werde nicht ganz ernst genommen. Zumindest bis das Essen kommt.

Denn da kochen Amador und sein größtenteils aus Mannheim mitgenommenes Team großartige Dinge. Ein Lammbeuscherl mit Topfenknödel, zum Beispiel, das schon zu den besten der Stadt gezählt werden darf – umso erstaunlicher, da die Deutschen bis vor ein paar Tagen noch nie Beuschl gemacht hatten (€ 12,–). Das knallgrüne Bärlauch-Samtsüppchen war fantastisch, auch wenn es wohl eher aus Sauerampfer gemacht war, was aber auch nicht schadet (€ 10,–), und das gebackene Schweinskotelett, drei Zentimeter hoch und mit herrlich schmelzendem Erdäpfel-Gurken-Salat ausgestattet, hätte kaum besser sein können. Gut, hatte auch einen Preis (€ 20,–), den man für dieses Gericht sonst samt Vorspeise und Getränk zu zahlen gewohnt ist.

Es bleibt spannend, wie sich dieses Projekt entwickelt. Gibt es in Wien Bedarf für ein weiteres Gourmetrestaurant, werden die (deutschen) Amador-Fans das Lokal tragen? Wer wird ins Wirtshaus alias Greißlerei gehen? Bleiben beide Konzepte bestehen? Ganz klar scheint die Sache immer noch nicht.

Resümee:

Ein deutscher Dreisterne-Koch macht ein Wirtshaus, das ein Gourmetrestaurant ist, und eine Greißlerei, die ein Wirtshaus ist.

Wirtshaus und Greißlerei Amador
19., Grinzinger Str. 86
Tel. 0660/9070500
www.amadors-wirtshaus.com


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