Menschen

Netzwerken, netzwerken!

LUKAS MATZINGER BARBARA TÓTH | Falters Zoo | aus FALTER 14/16 vom 06.04.2016

Martin Rohla ist ein Stadtbürger im besten Sinne. Gelernt hat er Unternehmensberater, angestellt war er nie, irgendwann erfand er die wunderschöne Saint Charles Apotheke in der Gumpendorfer Straße und brachte Wien als einer der Ersten mit Biokosmetik in Kontakt. Vor fast zehn Jahren drehte er sein Leben dann noch einmal um und beschloss, Biobauer zu werden. Er fand in Kronberg in der Nähe von Wolkersdorf im Weinviertel einen Hof. Und weil Rohla alles immer ein bisschen größer und weiter denkt als die anderen, gründete er ebendort die "Stadtflucht Bergmühle". Einen Verein für Muße, Lebenslust und alles Grüne. Rohlas Landpartien wurden schnell legendär, die Mitgliedschaft begehrt. Für alle, die immer schon wissen wollten, was einige hundert urbane Bobos da im Weinviertel treiben, gibt es jetzt das "Anleitung zur Stadtflucht"-Kochbuch zum Nachlesen, Nachkochen und Nachschauen. Die großartigen Fotos kommen von Luise Hardegg, die Rezepte von Franziska Muck, nachdenkliche Texte von Philipp Traun und der Reinertrag kommt einem Flüchtlingshaus unweit Kronbergs zugute. Dort kaufte Rohla, der übrigens Österreichs wohl einziger veganer Jäger ist (er isst nur, was er selbst erlegt hat), eine kleine Biolandwirtschaft, die er mit Hilfe 20 unbegleiteter Flüchtlinge betreut. Präsentiert wurde das Kochbuch am Montag dieser Woche allerdings nicht am Land, sondern mitten in Wiens durchgentrifiziertester Nachbarschaft: in der Marktwirtschaft in Wien-Neubau, dabei waren unter anderem Raiffeisen-Altvorderer Christian Konrad mit seiner Frau Rotraut, Clublegende Mario Soldo, Life Ball Legende Gery Keszler und Ärztin Petra Wrabetz. Bestes Revier für Nebenbei-Bobo-Networking also.

Was genau sind eigentlich Networking-Abende? Wer besucht sie? Wie wird man Netzwerker? Und warum? Es gibt Dinge, die wird der gemeine Bürger wahrscheinlich nie verstehen. Warum begehren es die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes derart, einander bei Lachsbrötchen und Mondlicht schöne Augen zu machen? Es ist so rätselhaft. Wenn zum Beispiel der Wiener Teppichhändler Ali Rahimi zu einem "lockeren Talk" in sein Geschäft lädt, dann ist es bestens bekannt, dass der Bodenbeleger Rahimi noch lieber als Teppiche reichlich Kontakte knüpft. Aber was haben andererseits aus der Showbranche der nicht altern wollende Alfons Haider, der Filmproduzent Norbert Blecha, die Inzwischen-Intendantin Kristina Sprenger, die Alleskönnerin Marika Lichter und der Alleskönner Joesi Prokopetz, aus der Politik vor allem Rote - die Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser, Präsidentschaftskandidat Rudolf Hundstorfer, Bürgermeister der Stadt Wien und Feinspitz Michael Häupl und sogar Ex-Kanzler Franz Vranitzky -, aus der Privatwirtschaft der Casino-Direktor Karl Stoss, Spar-Chef Gerhard Drexel, der Aufsichtsrat von fast allem Sigi Wolf und der Immobilientycoon René Benko und aus der Welt der Medien im weiteren Sinn der Chefredakteur Wolfgang Fellner und der Fernsehpapst Gerhard Zeiler davon, zu erscheinen? Was erwarten sie? Was gibt's zu sehen? In Rahimis Palais Szechenyi in der Innenstadt gab's vergangene Woche jedenfalls sein bewährtes Programm aus Wandteppichen und Do-&-Co-Speisung. Mit dem hat er in der Vergangenheit immerhin schon Gäste wie Bill Clinton und Ban Ki-moon bezirzt und sich zuletzt bis zum UN-Sonderbotschafter genetzwerkt. Manche Rätsel werden immer solche bleiben.


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