Die große Offshore-Schau

Ein gigantisches Datenleck in der Steueroase Panama gibt Einblicke in die Geschäfte von Politikern, Oligarchen und Wiener Banken. Monatelang konnten hunderte Journalisten in den internen Dokumenten wühlen. Sie enthüllen, wie das Offshore-Business funktioniert und wie es weltweit Demokratien unterwandert

BERICHT: FLORIAN KLENK UND JOSEF REDL | Politik | aus FALTER 14/16 vom 06.04.2016


Illustration: FALTER

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Vielleicht ist das Augustinerbräu in der Münchner Innenstadt der beste Ausgangspunkt, um diese Geschichte zu beginnen. Es ist der Abend des 8. September 2015, als dort zwei investigative Journalisten der Süddeutschen Zeitung – Frederik Obermaier, 32, und Bastian Obermayer, 38 – mit hundert Journalisten zu Abend essen. Die „Obermayers“, wie man sie in der deutschen Medienszene nennt, wirken an diesem Tag erstmals entspannt. Und das liegt nicht nur am Schweinsbraten, den sie hier verdrücken.

Ihr Geheimprojekt läuft gut an, den ganzen Tag über gibt es im Dachgeschoß des Hochhauses der Süddeutschen am Rande der Stadt Workshops, Trainingskurse und Diskussionen. Die Journalisten werden hier für eines der größten globalen Rechercheprojekte eingeschult, darunter ein Falter– und ein ORF-Team.

Die Obermayers haben nämlich von einem Informanten Dokumente erhalten, eigentlich sind es elektronische Dateien, 11,5 Millionen PDFs, Word-Dateien, Excel-Sheets um genau zu sein (siehe Interview hier).

Es sind Geschäftspapiere, E-Mails, Kontoauszüge, Gerichtsakten einer international operierenden Anwaltskanzlei, Mossack Fonseca, die sich auf die Errichtung von Briefkastenfirmen spezialisiert hat. Die Dokumente reichen zurück bis ins Jahr 1977. Sie zeigen, wer hinter rund 214.000 Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen steckt, die alleine die Firma Mossack Fonseca aufgesetzt hat. Denn meist werden Briefkastenfirmen von Strohmännern gehalten, die wahren wirtschaftlichen Eigentümer werden den Behörden nicht offengelegt. Anhand der Datensätze ist dies erstmals möglich.

Es ist also eine internationale Geschichte über großes Geld und eine Struktur, die dieses Geld vor dem Zugriff von Staaten schützt. Es ist auch eine Geschichte über eine Plage der Menschheit: das Offshore-Business, das meist legal und manchmal verbrecherisch der Menschheit immer größere Vermögen entzieht.

Offshore: Das bedeutet, dass Firmen und Reiche ihr Vermögen nicht in ihrem Heimatland veranlagen, sondern in Steuerparadiesen in Tarnfirmen verstecken, etwa in Panama oder auf den Jungferninseln, in Luxemburg oder Liechtenstein. Sie verstecken ihr Geld aus den verschiedensten Motiven: um Steuern zu sparen, um Schmiergelder zu kassieren oder um die wahren Eigentümer von Vermögen zu verbergen, etwa um in Erbschafts- und Scheidungsverfahren Verwandte zu prellen.

Das Offshore-Business ist nicht per se illegal. Aber es kann kriminell sein, wenn die Herkunft oder die Höhe von Geldvermögen nicht wahrheitsgemäß in der Heimat des steuerpflichtigen Eigentümers gegenüber den dortigen Finanzbehörden in der Steuererklärung deklariert wird. Oder wenn das Geld aus Verbrechen stammt, etwa aus Drogendeals oder Bestechungen.

5800 Milliarden Euro sollen in Offshore-Firmen gebunkert sein, das behauptet zumindest der renommierte Steueroasen-Forscher Gabriel Zucman, ein Schüler des Star-
ökonomen Thomas Piketty. 5800 Milliarden, deren Früchte, also Zinsen, für den Bau von Schulen, Krankenhäusern oder Infrastruktur investiert werden könnten.

Die Journalisten rüsteten sich in München also für eine monatelange Recherche. Ihr Projekt trägt den Namen „Prometheus“, benannt nach dem Raumschiff, das in ferne Galaxien aufbricht, um Übel von der Menschheit abzuwenden.

Die Journalisten lernten in München, wie man in diesem riesigen Datenhaufen aus der panamesischen Kanzlei buddelt. Erste Recherche-Ergebnisse liegen vor und werden unter dem Titel „Panama Papers“ in verschiedenen Medien, vor allem in der Süddeutschen Zeitung und auf der Website des International Consortium of Investigative Journalism (ICIJ), in den nächsten Wochen publiziert.

Rund 400 Journalisten aus 78 Ländern – neben der Süddeutschen sind es etwa der Guardian, die BBC, Le Monde oder der Miami Herald – haben unter der Koordination des ICIJ, ein spendenfinanziertes Non-Profit-Netzwerk der besten amerikanischen Aufdeckungsjournalisten, gemeinsam recherchiert. In Österreich haben sich der Falter und der ORF monatelang gemeinsam einkaserniert und durch die Daten gearbeitet. Das Ziel des politisch unabhängigen ICIJ ist es, mit lange vorbereiteten akribischen Recherchen maximale Aufmerksamkeit für jene Geschichten zu erreichen, die die ganze Welt betreffen: in diesem Fall das globale Business des Geldversteckens.

Normalerweise stehen Journalisten in scharfer Konkurrenz zueinander. Doch mit Konkurrenz ist so eine Datenflut nicht mehr zu bewältigen, sie ist 2,6 Terabyte groß. 22 Jahre würde ein einzelner Journalist benötigen, um alle Dokumente zu lesen. Das Panama-Leak ist etwa zehnmal so groß wie das vor drei Jahren als „Offshore-Leaks“ bekannt gewordene Datenleck. Die vorliegenden Files sind der Kanzlei
Mossack Fonseca, kurz Mossfon oder MF, abhandengekommen. Ein Albtraum für deren Mandanten.

MF ist eine Kanzlei mit 40 Dependancen und mehr als 500 Angestellten in aller Welt. In E-Mails versichert das Unternehmen seinen Kunden zwar, ihre Daten seien „völlig sicher“ und man lege auf Geheimhaltung größten Wert. Das war aber eine Fehleinschätzung. Da die Justiz an die Strukturen dieser Figuren nicht herankommt, braucht es Enthüllungsjournalismus. Dieser braucht Whistleblower, die Journalisten mit Informationen versorgen.

Man kennt bereits einige solcher globaler Leaks: Swiss-Leaks, Lux-Leaks, Snowden-Leaks nannten sich die Projekte. Das „Global-Leak“ aus Panama stellt alle anderen Leaks in den Schatten.

In den Datensätzen wurden bislang die Offshore-Firmen von 128 Politikern entdeckt. Es tauchten Briefkastenunternehmen auf, die zwölf amtierenden oder ehemaligen Staatschefs beziehungsweise ihren Strohmännern zugerechnet werden, darunter Russlands Präsident Wladimir Putin, Syriens Machthaber Baschar al-Assad, Pakistans Premier Nawaz Sharif, Islands Premier Sigmundur Davíð Gunnlaugsson sowie der König von Saudi-Arabien und Chinas oberster Führer, der KP-Chef Xi Jinping.

Nicht nur Volksvertreter finden sich im Datensatz, sondern auch die Namen von Drogenschmugglern, Terroristen oder Firmen, die auf Sanktionslisten stehen, etwa jene drei arabischen Ölhandelsfirmen, die heimlich die Luftwaffe von Syriens Tyrann Baschar al-Assad mit Kerosin versorgen, damit dieser mittels Fassbomben die eigene Bevölkerung ermordet oder in die Flucht treibt.

Die Offshore-Opfer: dieses Video erklärt die Auswirkungen der Steueroasen auf Flüchtlinge, Kriminalitätsopfer und Bürger ausgebeuteter Staaten. (Quelle: ICIJ)

Vor allem Politiker werden ihren Wählern eine wichtige Frage zu beantworten haben: Wozu brauchen sie eine Firma in einem Steuerparadies? Welchen Zweck dient diese?

Was in Panama abgespeichert wurde, betrifft die ganze große und kleine Welt – und daher auch Österreich. Es sind auch erstaunlich viele mittelständische Unternehmen darin zu finden. Wien kommt als Hotspot aufklärungswürdiger Geschäfte immer wieder vor. Vor allem Banken haben Erklärungsbedarf.

Recherchen in Österreich zeigen, wie osteuropäische Machthaber und Oligarchen – etwa Ukraines Präsident Petro Poroschenko oder der ehemalige kasachische Botschafter Rachat Alijew – zum Teil über Wiener Konten in Offshore-Firmen gebunkerte Millionen nützen können.

Auch die Hypo Vorarlberg dürfte tief im Offshore-Business stecken, etwa um russischen Oligarchen zu Diensten zu stehen, die Millionen in Steueroasen verschieben oder ihre Yachten verstecken wollen.

Ist das strafbar? Zumindest in Deutschland haben dortige Banken – etwa die Deutsche Commerzbank – freiwillig für Beihilfe zum Steuerbetrug bereits Millionen an Entschädigungen an den Staat bezahlt. Denn die deutschen Finanzfahnder haben – anders als die österreichischen – Teile des MF-Datensatzes aufgekauft, um Steuersünder ausfindig zu machen.

Wer ist Mossack Fonseca? Geleitet wird die Kanzlei von Jürgen Mossack. Sein Vater war ein deutscher SS-Offizier, der sich nach dem Krieg als CIA-Spitzel in Panama verdingte. Sein Kompagnon, ein Panamaer namens Ramón Fonseca, ist ein mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, Bonvivant, Ex-Diplomat und Anwalt, der bis vor kurzem als Mitglied der konservativen panamesischen Regierungspartei Partido Panameñista den amtierenden Präsidenten Juan Carlos Varela beriet. Immer wieder betonte er, dass Panama die internationale Steuerhinterziehung bekämpfen wolle.

Schon die Recherchen in diesem Projekt zeitigten erste Reaktionen: Als Journalisten des ICIJ vor einigen Wochen die ersten unangenehmen Fragen an Fonseca stellten, legte er seinen Job als Präsidentenberater zurück und twitterte von einer Hatz, die gegen ihn im Gange sei.

Zeitgleich informierte übrigens auch Wladimir Putin die Öffentlichkeit über eine „internationale Attacke“, die „westliche Agenten“ gegen ihn eingeleitet hätten. Der isländische Premier wiederum brach ein Fernsehinterview ab, als ihm Journalisten in Vorbereitung einer diese Woche ausgestrahlten Sendung Fragen zu seinen Offshore-Konten stellte. In immer mehr Ländern wurden in den letzten Wochen die Machthaber nervös.

Kein Wunder: Die von ihnen konsultierte Kanzlei Mossack Fonseca (MF) avancierte in den letzten 30 Jahren zum Big Player im Offshore-Business. Die Kunden vertrauten der Kanzlei. Um zu verstehen, wie wichtig die Kundendaten von MF sind, muss man die Arbeit des MF-Imperiums kurz umreißen: Die Kanzlei stellt für ihre Klienten Büros (oder auch nur die formelle Anschrift) in Steuerparadiesen zur Verfügung. Sie übernimmt die Kontoführung, fungiert als bevollmächtigter Vertreter („registered agent“). Sie erstellt Steuererklärungen und Jahresabschlüsse. Sie stellt das handelsrechtlich benötigte Personal – Vorstände, Sekretäre – zur Verfügung und übernimmt die regelmäßig notwendigen behördlichen Dokumentationspflichten.

Kurz: Mossack Fonseca errichtet in Panama blickdichte Fassaden für das oberste Prozent der Welt. Was dahinter passiert, entscheiden die Kunden, die ganz woanders leben und agieren, in Palästen, in Parlamenten, in Firmen oder auch in der Unterwelt. Mossfon gründet und verwaltet Gesellschaften entweder direkt für Endkunden oder im Auftrag von rund 14.000 zwischengeschalteten Mittelsmännern, sogenannten „Clients“.

Sehr oft sind das Steuerberatungsfirmen oder die größten Banken der Welt, die als Komplizen ihrer Kunden zu agieren scheinen. MF übernimmt für seine Klienten – zu seinen Kunden zählen zum Beispiel 29 Milliardäre, die sich auf der Forbes-
Liste der 500 reichsten Menschen befinden – die gesamte bürokratische Arbeit, füllen Formulare aus, entrichten Gebühren, besorgen amtliche Bestätigungen. Das alles sind bei Mossfon standardisierte Prozesse. Mossfons Sachbearbeiter haben einen direkten Draht zu Behörden, die Chefs der Kanzlei hofieren die Spitzen der Regierung. Die Anträge werden teilweise im Dutzend übermittelt. An jedem Formalakt schneidet Mossfon mit.

Ein Auszug aus deren Preisliste der Mitschneider von Panama: Gesellschaftsgründung (inklusive Benutzung der Mossfon-Anschrift): 1350 Dollar. Firmensiegel:
98 Dollar. Nutzung von „Vintage Companies“, also Gesellschaften, die bereits viele Jahre zuvor gegründet wurden und daher besonders glaubwürdige Fassaden abgeben: Preis auf Anfrage. Redomiciliation, also Übersiedlung einer Gesellschaft: 1240 Dollar Provision; für die eingesetzten Strohmann-Directors: 800 Dollar. Gebühr für das Aufbewahren der Unternehmensbücher: 115 Dollar. Sogar einen Tarif für das Rückdatieren von Dokumenten gibt es:
8 Dollar und 75 Cent pro Monat.

Ein beliebtes Geschäftsfeld ist auch die Eintragung von Yachten und Flugzeugen, die in Briefkastenfirmen versteckt werden, damit die wahren Eigentümer der Vermögen, etwa saudische Scheichs oder einfach nur scheidungswillige Eheleute, nicht aufscheinen. Eine besonders beliebte Konstruktion ist die „Panama Privatstiftung“. Sie gewährt nicht nur Steuerfreiheit – sondern auch völlige Anonymität jener Kunden, die ihr Vermögen in diese Stiftungen einbringen. In solche Privatstiftungen, so fand das ICIJ-Team heraus, wurde sogar NS-Raubkunst eingebracht, um die wahren Eigentümer zu tarnen und sie dem Zugriff der Erben von Holocaust-
opfern zu entziehen.

Die Kanzlei hilft ihren Klienten bei der (legalen) Steuervermeidung auch durch sogenanntes Re-Invoicing: Dabei wird bei einem Geschäft zwischen Unternehmen A und Unternehmen B eine nicht steuerpflichtige Offshore-Gesellschaft dazwischengeschaltet, um die Gewinne abzuschöpfen und somit Steuern zu sparen.

Ein weiterer Service nennt sich „Redomiciliation“. Eine Gesellschaft wird – je nach Bedarf – in eine andere Steuer-Jurisdiktion verschoben. Investiert ein Kunde beispielsweise in ein Glücksspielunternehmen, verlegt man seinen Sitz nach Malta, dort gibt es Steuervorteile. Um solche Übertragungen durchzuführen, braucht es Spezialisten, die in allen bekannten Steueroasen – von Panama über Malta bis zu den Kanalinseln – Niederlassungen und lokale Experten haben.

Exemplarisch ist der Fall Heritage Oil. Diese Gesellschaft mit Sitz auf der Kanalinsel Jersey verkaufte im Jahr 2010 Ölfelder in Uganda um 1,45 Milliarden Dollar an die britische Ölgesellschaft Tullow Oil. Um der Kapitalertragsteuer in Uganda zu entgehen, wurde die betroffene Tochtergesellschaft wenige Tage vor dem Deal unter Assistenz von Mossfon einfach nach Mauritius überschrieben, wie die MF-Daten zeigen. Mauritius hat als eines der wenigen Länder ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Uganda. Damit wurden dem bettelarmen afrikanischen Staat 300 Millionen Dollar Steuergeld entzogen. Geld, das in Uganda für den Bau von Krankenhäusern und Schulen dringend gebraucht worden wäre. In den Spitälern des rohstoffreichen Landes müssen die Patienten das Verbandsmaterial und sterile Tupfer selbst mitnehmen.

In Offshore-Firmen werden auch Schmiergelder oder Gelder für Spione und Geheimdienste gebunkert. Wie die Süddeutsche Zeitung herausfand, nutzte offenbar auch der Siemens-Konzern eine MF-Schachtel, um Schwarzgeld zu horten. Immer wieder geht es in den Akten auch um sogenannte „Sociedades anónimas“, also Gesellschaften, deren Eigentümer nicht bekanntgegeben werden dürfen – bei sonstiger Strafzahlung.

Wie die Falter-ORF-Analyse zeigt, hat interessanterweise auch eine gewisse Vaduzer Anwaltskanzlei die Dienste von MF außerordentlich geschätzt, die Kanzlei Marxer & Partner. Mindestens 69 Briefkastenfirmen wurden von Marxers Anwälten über Mossfon angelegt.

Marxers Mitarbeiter fungieren auch als Vorstände für Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grassers Liechtensteiner Stiftungskonstruktionen. Mit ihnen soll er Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben, so der Vorwurf, den die Finanzämter prüfen. Eine panamesische Briefkastenfirma, die in Grassers verwirrendem Steuerstiftungskonstrukt als Treuhänderin fungiert, die Hornbeam Ltd., scheint in den Datensätzen hunderte Male auf. Sie dient offenbar dazu, Vermögensverhältnisse zu verschleiern, um Steuern zu „optimieren“.

Ist all das ungesetzlich? Manche Betroffene beteuern, alle Vermögen vor den nationalen Finanzämtern deklariert zu haben – manche schweigen. Ob alles korrekt ablief, haben letztlich diese Steuerbehörden zu beurteilen. Doch die beißen sich eben aufgrund der Dienste von MF die Zähne aus. Der Konzern wird nämlich bisweilen dafür bezahlt, dass er seinen Kunden die Behörden vom Hals hält.

Zumindest zeigt das eine Analyse von Rechtshilfeersuchen durch das Guardian-Team. So verweigerte das Unternehmen bis zum Jahr 2008 in hunderten Fällen Auskünfte an ausländische Strafverfolgungsbehörden, die die wirtschaftlichen Eigentümer von Briefkastenfirmen („beneficial owners“) auf den Jungferninseln in Erfahrung bringen wollten. Nach dem Jahr 2008, als die Steuergesetze auf den Jungferninseln verschärft worden waren, blieb immerhin noch jede fünfte Anfrage unbeantwortet, so der Guardian. Immer wieder setzte es deshalb auch kleinere Strafzahlungen, etwa 2013, als Behörden dahinterkamen, dass MF das Vermögen des Sohnes des gestürzten ägyptischen Despoten Hosni Mubarak verwalteten.

Mossack Fonseca weiß wohl schon seit einiger Zeit, dass seine Kundendaten gehackt wurden; Ende 2014 publizierte das US-Magazin Vice eine erste große Reportage über den Konzern, „der mit Oligarchen, Geldwäschern und Diktatoren zusammenarbeite“.

Dieser Konzerne, so urteilte Vice anschaulich, „schmiedet Firmenketten zur Steuervermeidung, die sofort in alle Einzelteile zerfallen können, wenn ein Fahnder das Büro betritt“. Auch in Deutschland veröffentlichte die Süddeutsche schon letztes Jahr erste Datensätze und enthüllte ein erstaunliches Engagement mittelständischer Banken in der Offshore-Unterwelt.

Die mehr als elf Millionen Dateien beinhalten eingescannte Korrespondenzen, Kontoauszüge, E-Mail-Diskussionen und Unterlagen aus den letzten 40 Jahren bis zum Dezember 2015. Es sind – anders als in der Swiss-Leaks-Affäre – nicht nackte Kontoauszüge, die ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, sondern vor allem auch Dateien, die die Namen und Motive der sogenannten „Beneficial Owners“, also der wirtschaftlich Berechtigten, enthalten.

Da offenbaren sich packende, traurige und empörende Geschichten über die Methoden, das Leben und die Nöte der Superreichen, die hier das Kürzel „HNWI“ tragen – es steht für „High Net-Worth Individuals“.

Man erfährt aber auch, wie die Ärmsten der Armen – etwa Verwandte von verunglückten afrikanischen Minenarbeitern – von Betrügern mittels Offshore-Firmen um ihre kargen Entschädigungssummen geprellt werden. Und dann ist da noch der ganz normale Alltag tausender Millionäre und Milliardäre, die eines partout vermeiden wollen: Steuern zu zahlen.

Da ist etwa Philippe H. aus Genf, ein millionenschwerer Jungunternehmer, der 130 Offshore-Gesellschaften sein Eigen nennt und sich nun ernstlich darum sorgt, wie er der Kapitalertragsteuer in Europa entgehen kann.

Oder Peter S., der eine panamesische Privatstiftung gründen will, um das Haus seiner Tante der deutschen Erbschaftssteuer zu entziehen.

Erben und in Scheidung lebende
„HNWIs“ sind eine ganz besonders besorgte Kundschaft von MF. Sie verstecken ihre Gelder in der ganzen Welt, damit die verhassten Ehepartner sie nicht finden.

Diego P. aus Ibiza, Anwalt und Mäzen, hat hingegen eine „happy family“, wie die Kundenakte vermerkt: „Wir schätzen sein Vermögen auf nicht unter 30 Millionen US-Dollar, er sollte daher unter allen Umständen von uns glücklich gemacht werden“, notiert sein Kundenberater. Der Multimillionär wünsche sich, dass seine Familienmitglieder nur mit Pseudonymen registriert werden. Sein Leben bestreitet er übrigens mit Kreditkarten, die auf seine Offshore-Firmen ausgestellt wurden. So leicht kommt man an verstecktes Geld.

Oder William P. aus Florida, der „mehrere hunderte Millionen, vielleicht sogar eine Milliarde“ besitzt und deshalb „über Vertraulichkeit sehr besorgt ist“. Er sei „der wichtigste Kunde, den wir haben“, notiert ein MF-Mitarbeiter, „wir müssen ihm daher ein extra First Class Treatment geben“.

Für all sie könnten sich bald die Finanzämter interessieren. Vielleicht auch in Österreich. In den Unterlagen tauchen viele mittelständische Unternehmen auf, aber auch ein bekannter ehemaliger Bankmanager. Gemeinsam mit seiner Frau kaufte der Banker über Briefkastenfirmen Immobilien in New York und Buenos Aires.

Das Geld dafür, beteuert der Polo spielende Banker auf Nachfrage der durch österreichische Medienberichte aufgeschreckten MF-Compliance-Abteilung (sie prüft, ob Gelder weißgewaschen werden), habe er in Österreich „als leitender Angestellter“ versteuert.

Ob er auch die Erträge der Wohnungen versteuert, wird die Finanz klären. Sie hat den Mann schon wegen anderer Geschäfte im Visier.

Österreichische Banken haben überhaupt Erklärungsbedarf: Die Unterlagen zeigen, wie die mehrheitlich im Besitz des Landes Vorarlberg befindliche Hypo Vorarlberg Oligarchen und Vertrauensleuten von Wladimir Putin hilft, in der Offshore-Industrie Fuß zu fassen.

Die Raiffeisenbank wiederum wird zu erklären haben, wieso sie Kredite an Firmen im Umfeld des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko mit dem Vermögen von Briefkastenfirmen besichern lässt. Wird auf diese Art und Weise Schwarzgeld aus Offshore-Inseln weißgewaschen, wie Steuerexperten vermuten (Seite 17)? Und dann ist da noch der Wiener Investor Heinrich Pecina. Er war bei Überweisungen von Millionen eines hohen ungarischen Würdenträgers von Panama nach Wien behilflich. Es besteht der begründete Verdacht, dass diese Millionen der Lohn für eine geheime Insiderinformation waren.

Was in den Datensätzen sichtbar wird, ist freilich nur ein Ausschnitt eines globalen Mega-Problems. Der Steueroasen-Forscher Gabriel Zucman schätzt, dass in der EU der Anteil der in Steueroasen geparkten Vermögen etwa zwölf Prozent des gesamten Vermögens ausmacht.

Zucman rechnet allein für sein Heimatland Frankreich vor, dass durch eine Bekämpfung der Offshore-Praktiken die Staatsverschuldung von aktuell 94 auf 70 Prozent gedrückt werden könnte. Und er merkt weiters an: Die Steueroasen könnte man durch eine koordinierte Aktion spielend leicht zum Einlenken zwingen – durch Strafzölle, ein internationales Finanzkataster oder gar einen Handelsboykott.

Die Mossack-Fonseca-Files zeigen aber nicht nur, wer warum seine Millionen versteckt, sie zeigen auch, wie vergleichsweise billig und simpel dies möglich ist und wie leicht eine Reform des schädlichen Systems möglich wäre.

Zucman ruft dazu auf, die Offshore-Industrie endlich zu entmystifizieren: „Allgemein herrscht die Auffassung, es sei völlig unmöglich, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Das ist die symbolische Macht der Finanzwelt, eine Macht, die die letzten Regierungen noch gestärkt haben, indem sie tagtäglich neue ‚Siege aufgrund hohler und wirkungsloser Pläne verkündeten‘“, schreibt er.

In Wirklichkeit seien die Tricks der Bankiers und Buchhalter häufig ganz simpel. So wie einst Flugzeuge Alu-Lametta abwarfen, um den feindlichen Radar zu stören, so verwirren auch die Großmeister der Offshore-Industrie die Strafverfolgungsbehörden oder schicken sie in einen Irrgarten. Sie gründen Companies, die keinen anderen Sinn haben, als vor Fahndern zu verschleiern, wer die wahren Berechtigten, die sogenannten „Beneficial Owners“, eines Vermögens sind. „Ein anständiger Mensch hat kein Konto in Liechtenstein“, resümiert da Michael Radasztics, Leiter der auf Steueroasen spezialisierten Wirtschaftsgruppe der Staatsanwaltschaft Wien.

Das Ziel der Journalisten, die sich im Herbst im Augustinerbräu kennengelernt hatten, war also nicht nur hoch gesteckt, es wurde vor allem von amerikanischen IT-Spezialisten des ICIJ ambitioniert umgesetzt.

Damit kein Datensatz unentdeckt bleibt, programmierten sie eine eigene Suchmaschine, die ähnlich wie Google funktioniert. Die Suchergebnisse können grafisch visualisiert und die vielen verwirrenden Firmenkonstrukte verknüpft werden. Die Bilder, die ein Programm namens Linkurious ausspuckt, erinnern an Galaxien, scheinbar undurchdringbare Welten.

Um die Konstrukte zu verstehen, richtete das ICIJ ein streng abgeschirmtes Online-Forum ein, eine Art internes Facebook. Dort legten Journalisten dutzende Gruppen an, um ihre nationalen Politiker und Machthaber abzuklopfen, Information auszutauschen und zu sichten. Die von den ICIJ-Teams in Kleinarbeit dokumentierten Recherchen der Journalistenschar werden nun vom ICIJ Stück für Stück veröffentlicht. Sie würden den Rahmen einer ganzen Falter-Ausgabe sprengen (ein kurzer Überblick findet sich auf Seite 14)

Am spektakulärsten ist wohl die Enthüllung über Russlands Präsident Wladimir Putin. Hier spielt Sergej Roldugin, ein bekannter Dirigent aus St. Petersburg, einst Direktor des dortigen Konzerthauses, eine tragende Rolle.

Vor ein paar Monaten erklärte der Musiker noch der New York Times, „sicher kein Businessman“ zu sein. Millionen habe er leider nie verdient.

Eine Analyse der von ihm gehaltenen Briefkastenfirmen durch Journalisten des ICIJ verrät etwas anderes. Roldugin ist der wirtschaftlich Berechtigte eines komplexen Netzwerks von Offshore-Firmen, das hunderte Millionen Dollar von jenen Unternehmen erhalten hatte, die wiederum vom russischen Staat Aufträge erhielten.

Insgesamt sollen rund zwei Milliarden Dollar über ein Offshore-Netzwerk geflossen sein, das von Putins engsten Freunden kontrolliert werde. Es bestehe, so das ICIJ, der Verdacht, dass über Roldugins Firmen Bestechungszahlungen in das Umfeld Putins geleistet wurden.

Roldugin ist nicht irgendwer. Er ist der Jugendfreund und engste Vertraute des russischen Präsidenten, und der Taufpate seiner ersten Tochter Maria noch dazu.

Putin weist die Vorwürfe zurück, sein Sprecher wittert eine Attacke westlicher Agenten, eine international geplante Medienattacke durch das ICIJ, die ihn diskreditieren solle.

Putin und andere in Bedrängnis geratene Autokraten werden mit dieser Interpretation in ihren Ländern wohl durchkommen. Doch in westlichen Demokratien (etwa Island) werden die geouteten Inhaber der Briefkastenfirmen Fragen beantworten müssen: Wieso bunkern sie ihr Geld in Briefkästen, woher haben sie überhaupt so viel Geld? Wer hat es ihnen zugesteckt und wieso? Haben Sie der Finanz die Vermögensverhältnisse auch wirklich offengelegt? Viele Betroffene werden wohl ganz plausible Antworten geben können. Viele aber auch nicht. Der isländische Premier hat ein Interview, das im Rahmen dieses Projekts durchgeführt wurde, einfach abgebrochen. Noch nie sei einem isländischen Politiker eine Frage nach einer Offshore-Firma gestellt worden.

Bleibt eine wichtige Frage: Was sagt eigentlich Mossack Fonseca zu alledem? In einer langen schriftlichen Stellungnahme weist der Konzern den Vorwurf zurück, Komplize von Verbrechern zu sein. Völlig zu Recht betont der Konzern, dass der Besitz von Offshore-Firmen nicht strafbar sei.

MF bemüht diese Metapher: So wie ein Autohersteller nicht für die Unfälle der Autofahrer hafte, so könne auch MF nicht dafür garantieren, dass die Briefkästen nicht für schmutzige Geschäfte missbraucht würden. Die hausinterne Compliance-Abteilung gehe jedem Vorwurf nach. Niemals habe man Kunden bei kriminellen Machenschaften unterstützt.

Die Daten, die nun öffentlich werden, seien hingegen durch ein Verbrechen an die Medien gelangt – viele davon würden aus dem Kontext gerissen, unaktuell oder falsch interpretiert.

In einigen Fällen konnte das Team des ICIJ hingegen penibel nachweisen, dass MF auch nachweislich Unternehmen vertrat, die in kriminelle Deals verwickelt waren – etwa die Cousins von Syriens Herrscher al-Assad. Immer wieder verurteilen auch Gerichte MF für illegales Verhalten. In einem Fall in den USA ist penibel dokumentiert, wie MF Dokumente verschwinden ließ. Die Öffentlichkeit und die damit einhergehende staatliche Aufklärung wird das Offshore-Business vielleicht verändern. In Bälde werden wohl auch Staatsanwälte aus aller Welt Rechtshilfeersuchen an Panama schicken müssen.

Es wird also eng für MF. Die internationale Krisen-PR-Firma Burson-Marsteller ist für MF tätig. Sie ist Drecksarbeit gewohnt. Sie beriet die Diktatoren Augusto Pinochet und Nicolae Ceaușescu.

Auch eine Firma, die für „online reputation management“ zuständig ist, wurde beigezogen. Sie soll diese Worte aus dem Netz entfernen, sofern sie mit der Arbeit von MF in Zusammenhang stehen: „lavado de dinero, lavado de activos, evasión fiscal, fraude fiscal, delito, trafico de armas, money laundering, tax evasion, tax fraud, dirty money, scandal, escándalo.“

Viele Worte für eine Straftat: organisierter Steuerbetrug.


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