Selbstversuch

Ja, auch Bücher, sehr viele Bücher

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 14/16 vom 06.04.2016

Ich weiß jetzt, wer Schnaps erfunden hat. Es war eine Mutter von zwei Teenagern, die in einen Streit darüber gezogen wurde, wer die einzig coolen Sneakers auf der Welt zuerst gesehen hat.

Das kontaminiert ein wenig die warme Entspanntheit, in der man gerade badet. Man hat für den Abend Gäste eingeladen, und zum ersten Mal, seit man Gäste einlädt, verbringt man den Tag nicht damit, hektisch die gesamte Wohnung aufzuräumen und Plätze zum Auftürmen von Zeug zu finden, für das man eigentlich keinen Platz hat. Weil warum? Man hat die Behausung konmariet, jetzt nicht fundamentalistisch genau nach Vorschrift, aber so in den Grundzügen. Ich habe nämlich den Bestseller von dieser Marie Kondo gelesen, "Magic Cleaning". Na ja, überflogen, jedenfalls bin ich in der Lage, die zentralen Thesen a) aufzuführen und b) anzuwenden.

Zuerst muss man alles, was man besitzt, in einer bestimmten Reihenfolge (es fängt mit Kleidung an, und hört mit persönlichen Erinnerungen auf) auf große Haufen schmeißen, und dann darf man nur das behalten, was einem Freude bereitet oder was man wirklich braucht (was einem dann ja auch Freude bereitet, wenn man es hat). Alles andere muss gehen: auf den Mist, zur Caritas oder nach Willhaben. Wenn man etwas Neues ins Haus bringt, muss etwas Altes dafür gehen. Am Ende besitzt man nur Dinge, die wichtig sind, und die bekommen dann jedes seinen eigenen Platz. Und auf diesen Platz gibt man sie wieder, nachdem man sie benützt hat, konsequent. Man macht alle Post immer gleich auf und erledigt sie, und jeden Karton schmeißt man auf der Stelle ins Altpapier. Und danach muss man nie mehr aufräumen.

In den letzten Wochen haben sicher zehn oder 15 Kubikmeter Material die Wohnung verlassen: coole, zu kleine Sneaker, unbrauchbarer Hausrat, Schuhe und Kleidung, die man eigentlich nicht anziehen mag, x Schachteln und all die unvollständigen Kartenspiele und das andere Tralala, das sich über die Jahre darin angesammelt hat. Und ja, auch Bücher, sehr viele Bücher: all die Bücher, die einen eigentlich kalt lassen und die, seien wir uns ehrlich, auch die Nachkommen niemals lesen werden. Der Kleiderschrank hat sich gelichtet. In allen Küchenschubladen sind nur noch Geräte, die man benutzt, und von jedem nur eins. Es sind jetzt nur noch Sachen da, die einem etwas bedeuten, und alle an ihrem Platz. Es fühlt sich sehr erwachsen an.

Ach ja, mit denen, die einem am meisten bedeuten, war man endlich in "Maikäfer flieg". So ein superer, intensiver Film, auch wenn mich dieses von Zita Gaier unfassbar glaubhaft gespielte Nöstlinger-Gfrast echt Nerven gekostet hat: I feel you, Christine Nöstlingers Mutter/unglaublich supere Ursula Strauss. Dieses sturschädelige Kind würde mich auch wahnsinnig machen, mit seinem Talent, immer mitten in die maximal gefährlichen Situationen hineinzumarschieren. Ein Sneaker-Zank, so gesehen: nur ein gemütlicher Spaziergang, durch eine aufgeräumte Wohnung.


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