Edgy und doch klassisch: Wipplingers erste Taten im Leopold Museum

Feuilleton | aus FALTER 14/16 vom 06.04.2016

Der neue Direktor des Leopold Museums ist seit letztem Oktober im Amt, nun präsentiert er sich als Kurator. Zum ersten Mal in dieser Vielgestalt zu sehen ist der deutsche Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881-1919).

Das Lehmbruck Museum in Duisburg ermöglichte mit zahlreichen Leihgaben den Einblick in ein Werk, das -wie jenes von Egon Schiele - an der Schwelle zwischen akademischer Kunst und radikaler Avantgarde steht.

Die großen Abstrakten Alexander Archipenko und Constantin Brâncuși, die die menschliche Figur zu plastischen Massen auflösten, lernte Lehmbruck in Paris kennen, gab den realistischen Körper aber nie ganz auf. Vom Expressionismus übernimmt er die Idee einer Kunst, die Formen für die Sprache des Selbst findet. Ähnlich wie die Bilder Schieles, die Lehmbrucks Skulpturen gegenübergestellt werden, erzählen sie von Scham, Verzweiflung und Melancholie. Mitten im Ersten Weltkrieg entstand "Der Gestürzte", ein Antiheld: Lehmbruck zeigt einen Krieger nicht in heroischer Kampfpose, sondern als am Boden Knienden mit zur Brücke gewölbtem Oberkörper. In Wien ist ein Metallabguss des ursprünglich steinernen Objekts zu sehen. Edgy und doch klassisch.

Auch die zweite Ausstellung passt zu dem konservativen und dennoch experimentierfreudigen Programm, mit dem das Leopold Museum in den letzten Jahren erfolgreich war. Die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers ist das Thema der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere, 52, die in einer großen Werkschau zu sehen ist. Die Künstlerin formt aus Wachs Replikate von Körperfragmenten und Eingeweiden, die auf unheimliche Weise mit Kleiderstoffen und Haaren verwachsen.

Einige stehen in Vitrinen, was die Skulpturen wie Schauobjekte eines naturkundlichen Kabinetts wirken lässt - und Assoziationen zur Gentechnik und Chirurgie weckt. Die hängenden Volumen und der nach innen gerichtete Schmerz lassen sowohl bei Lehmbruck als auch bei De Bruyckere an gotische Kruzifixe denken. Ein Auftakt zum Niederknien.


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