Ohren auf Klassik

Meistergeiger Yehudi Menuhin zum Hunderter

Miriam Damev | Feuilleton | aus FALTER 15/16 vom 13.04.2016

Er war der größte Geiger des 20. Jahrhunderts, ein begnadeter Pädagoge, Weltbürger und Humanist - Yehudi Menuhin. Am 22. April wäre er 100 Jahre alt geworden. Warner Classics würdigt sein Lebenswerk mit der üppigen "The Menuhin Century"-Edition: 80 CDs, elf DVDs und ein Buch dokumentieren die 75 Jahre umspannende Laufbahn des Künstlers, darunter 22 CDs mit unveröffentlichten Kostbarkeiten (genial: Bachs C-Dur-Solosonate mit dem 13-Jährigen), 18 mit historischen Aufnahmen (unvergessen: das Elgar-Konzert unter der Leitung des Komponisten) oder die Einspielungen mit seiner Schwester Hephzibah, mit der er fast 50 Jahre lang ein kongeniales Duo bildete (20 CDs).

Im Alter von sieben Jahren debütierte das Genie Menuhin in San Francisco, mit elf spielte er in der New Yorker Carnegie Hall, mit 13 in Berlin. 1935 ging Menuhin als 19-Jähriger auf Welttournee und geriet danach in eine tiefe existenzielle Krise, aus der er sich 1938 mit der Uraufführung von Schumanns Violinkonzert zurückmeldete, die bis heute als Referenzaufnahme gilt.

Nach dem Krieg war Yehudi Menuhin der erste jüdische Künstler, der mit Wilhelm Furtwängler, Hitlers Lieblingsdirigenten, auftrat; eine beeindruckende Einspielung der Beethoven-Konzerte entstand. Bartók komponierte für ihn die aberwitzig schwierige Solosonate, die hier ebenso zu hören ist wie Alban Bergs fragiles Violinkonzert unter Pierre Boulez.

Nicht nur als Solist hat Yehudi Menuhin Maßstäbe gesetzt. Er war ein leidenschaftlicher Kammermusiker und Grenzgänger, interessiert an der Musik anderer Kulturen und Genres. Als das Wort "Crossover" noch gar nicht existierte, spielte Menuhin schon Jazz (mit Stéphane Grappelli) und Raga, 1967 spielte er mit dem indischen Sitar-Meister Ravi Shankar das Album "West Meets East" ein. Diese legendäre Aufnahme ist übrigens auch auf wunderbar klingendem Vinyl erhältlich.


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