Das Privatleben am Küchentisch

Dänemarks Schauspielstar Trine Dyrholm über die Arbeit am Film "Die Kommune"

Lexikon | Interview: Julia Pühringer | aus FALTER 15/16 vom 13.04.2016


Foto: Foto: Polyfilm

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Die dänische Schauspielerin und Sängerin Trine Dyrholm, 43, begann bereits als Teenager am Theater. Hierzulande kennt man sie spätestens seit ihrer Rolle in Thomas Vinterbergs Dogma-Film „Das Fest“ (1998) bzw. von ihrer Zusammenarbeit mit Regisseurin Susanne Bier im Oscar-gekrönten Drama „In einer besseren Welt“ sowie in der romantischen Komödie „Love Is All You Need“ mit Pierce Brosnan.

Nun hat Dyrholm erneut mit Vinterberg gearbeitet, der in „Die Kommune“ (Originaltitel: „Kollektivet“) auch eigene Gefühlsaufarbeitung betreibt. Sie spielt die verheiratete Fernsehmoderatorin Anna, deren Traum von der glücklichen Erwachsenen-WG im Kopenhagen der 1970er-Jahre zum Scheitern verurteilt ist. Das Gespräch mit der Schauspielerin fand anlässlich der Premiere des Films bei der Berlinale statt.

Falter: Frau Dyrholm, warum klappt das mit der freien Liebe nicht?

Trine Dyrholm: Das kann schon funktionieren, ich kenne solche Leute. Hier scheitert es ganz einfach am Egoismus. Erik kann aus seiner patriarchalen Rolle nicht ausbrechen, es ist, als ob die Wände der Villa noch den Einfluss seines starken Vaters abstrahlen. Und Anna ist ein Opfer ihre eigenen Ideale.

Letztlich ist das, was im Film passiert, sehr konventionell: Ehemann Erik verliebt sich in eine Jüngere.

Dyrholm: Das mag ich so an diesem Film. Erik ist unsicher, was Anna betrifft, sie interessiert sich nicht für seine Projekte, für ihn, er fühlt sich nicht mehr männlich, und dann steht da diese junge Frau und er sagt: „Oh, gefällt Ihnen mein Projekt?“

Sie haben mit Thomas Vinterberg schon vor Jahren in „Das Fest“ zusammengearbeitet. Wie wäre Ihr „Porträt des Künstlers als junger Mann“? War er damals anders?

Dyrholm: Wir waren damals alle völlig anders. Gleichzeitig fühlt es sich manchmal wie gestern an. Andererseits sind wir alle dicker geworden, wir haben aber auch viel mehr Erfahrung im Leben und im Beruf, also waren die Diskussionen über das Drehbuch und die Figuren auf einem völlig anderen Niveau. Damals war es lustig und wild, jeder hatte das Gefühl, wir machen etwas ganz Besonderes.

Ist es gut, dass Dogma auch
wieder vorbei ist?

Dyrholm: Das war schon gut. Es war als Inspiration fürs Filmemachen gedacht, dass man die technischen Sachen hintanstellt und sich schauspielerisch einfach treiben lässt. Es gibt sehr viele Menschen, die davon inspiriert wurden, ich bin einer davon. Aber wenn es zu einem Geschäft wird, einer „Welle“, dann war’s das.

Es gibt im Film eine sehr heftige Szene, wo Anna live im Fernsehen auftreten muss, obwohl sie gerade mitten in der Krise steckt. Sie selbst kommen ja vom Theater – wie macht man das in so einem Fall?

Dyrholm: Vor ein paar Jahren war ich in Berlin an der Volksbühne mit einem dänischen Monolog bei einem Festival. Eine Woche zuvor habe ich meinen Vater begraben. Es war noch dazu ein extrem schwieriger Monolog über eine Psychose, und am Ende bringt die Figur sich um. Ich hatte große Angst, nicht spielen zu können, hatte mich aber seit einem Jahr darauf gefreut. Also zog ich es durch. Und es war eine absolut großartige Erfahrung, weil mir bewusst wurde, dass das absolut nichts mit meinem Privatleben zu tun hat. Auch wenn ich auf der Bühne sehr viel weinte und es sehr emotional zuging, waren das zwei völlig unterschiedliche Dinge. Man ist da sehr verletzlich, muss offen bleiben, das ist ja das Problem. Ich trenne ganz bewusst Privatleben von Fiktion. Ich denke nie an Privates, beispielsweise um vor der Kamera zu weinen. Weil ich daran schlicht und ergreifend nicht glaube. Man muss da einfach selbst auf sich aufpassen.

Wenn man sich Thomas Vinterbergs letzte Filme ansieht, könnte man mutmaßen, er hat ein Problem
mit seiner Exfrau.

Dyrholm: Das müssen Sie schon ihn selbst fragen. Aber natürlich ist das ein persönlicher Film für ihn. Er ist ja auch in einer Kommune aufgewachsen. Aber weil ich mich gern einbringe und auch kreativ bin – er fördert das ja ausdrücklich –, unterhält man sich über das Drehbuch, die Figuren. Wenn die Rollen einmal besetzt sind, überlässt er das Drehbuch den Schauspielerinnen und Schauspielern. Er vertraut einem da. Ich habe wirklich das Gefühl, ich habe meinen Einfluss auch gut genützt, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Ist es realistisch, wie die Kommune
im Film reagiert?

Dyrholm: Ach, das ist so in einer Kommune: Sie ist das Publikum. Man sieht dein Privatleben am Küchentisch. Und das ist sehr unangenehm für alle Beteiligten. Ich finde das ganz interessant, dass die ganze Kommune sich mit der Situation unwohl fühlt, sie können nicht interagieren, wie sie wollen. Die Menschen sind selbstsüchtig, was ihr emotionales Leben betrifft. Davon handelt ja die ganze Geschichte. Sie glauben wirklich, sie können das mit einer Abstimmung klären, das ist total naiv.

Ab 21.4. in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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