Ausstellung Kritik

5-Kreuzer-Tanz, Affentheater und Gondelfahrt

NS | Lexikon | aus FALTER 15/16 vom 13.04.2016

Da lustwandeln sie, die Spaziergängerinnen mit Hüten und ausladenden Röcken, die Hieronymus Löschenkohl in seinem Kupferstich "Die neue Praterlust" 1781 verewigt hat. 250 Jahre ist es her, dass ein "Avertissement" im Wienerischen Diarium die Öffnung des kaiserlichen Jagdgebiets für das Volk bekanntgab. Joseph II. erlaubte, sich im Grünen auf den Wegen zu "divertiren", die Wälder waren aus Angst vor Duellanten und Liebespaaren tabu.

Die herrliche Schau "In den Prater!" zeigt, wie auf die ersten Wirtshäuser, Ringelspiele und Wursteltheater bald spektakuläre Etablissements wie das Panorama mit einer 360-Grad-Ansicht von London, der Circus Gymnasticus mit Kunstreitern und dressierten Hirschen oder die Feuerwerksevents folgten. Gegenüber den "Wandermenagerien" mit ihren exotischen Tieren hängen Bilder, auf denen Blut fließt: Bei der sogenannten "Praterschlacht" 1848 schlug die berittene Nationalgarde mit Säbeln Proteste von Arbeitern gegen Lohnkürzungen nieder. Die Weltausstellung 1873 gab dem Prater ein neues Gesicht, so auch eine Trinkhalle mit US-Fahne und Cocktails. Zu absoluten Highlights zählte der von Theaterdirektor Gabor Steiner errichtete Vergnügungspark "Venedig in Wien" mit Palazzi und Gondelkanal, der fünf Jahre in Betrieb war.

Riesenrad, Blumencorso, Ashanti-Dorf, Hochschaubahn, Watschenmann: Die Praterhistorie ist so voll, dass das Vierteljahrtausend im Schnelldurchlauf verfliegen muss. Schon allein mit ihren Hör- und Filmstationen hätte sie viel mehr Platz verdient, auch zur Würdigung maßgeblicher Praterunternehmer und -künstler. An der kritischen Auseinandersetzung, etwa mit den Freakshows und Völkerschauen, dem "Babystrich" oder dem umstrittenen "Masterplan Prater" von Themenparkexperten Emanuel Mongon 2004, hapert's so leider.

Wien Museum, bis 21.8.


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