Das unglaublich befreiende Gefühl, zum ersten Mal Jeans zu tragen

SF | Feuilleton | aus FALTER 15/16 vom 13.04.2016

Der vielleicht schönste Satz in Deborah Feldmans Buch steht auf Seite 202 und lautet: "Ich kann es kaum erwarten, zum ersten Mal professionell gestylt zu werden." In anderen Kontexten wäre er eine ganz normale oberflächliche Aussage und nichts Besonderes. Doch Feldman ist in einer ultraorthodoxen, fast sektenhaften jüdischen Gemeinschaft groß geworden, in der penibel darauf geachtet wurde, dass Mädchen alle Körperteile bedecken müssen, von denen die Torah dies verlangt.

Neben Freiheit und Bildung wünschte sie sich als Jugendliche also kaum etwas sehnlicher, als sich auch einmal hübsch machen zu können. Freilich musste sie extra heiraten, um in den Genuss von Mascara & Co zu kommen, denn nur Bräute dürfen in der Satmar-Gemeinde Schminke auftragen. Die Ehe sollte sich als Reinfall erweisen. Den von ihrem Großvater ausgewählten Mann beschreibt Feldman als Blatt im Wind, von dem sie bei ihren Bemühungen, zumindest innerhalb der gemeinsamen Wohnung ein von den strengen Glaubensgrundsätzen ein wenig abweichendes Leben zu führen, nicht unterstützt wird.

Man muss sich Deborah Feldman als starke Person vorstellen. Ihren Vater, der psychische Probleme hatte und trank, bekam sie kaum zu Gesicht, ihre Mutter, die nicht aus der Satmar-Gemeinde stammte, machte sich überhaupt aus dem Staub. Als Identifikationsfigur blieb nur die aus Ungarn stammende Großmutter, die den ganzen Tag in der Küche verbrachte und nicht immer alle Regeln befolgte. Das restliche familiäre Umfeld schildert Feldman als kalt und feindlich.

Dass neben Make-up auch Kleider Leute machen, zeigt sich gegen Ende von "Unorthodox". Da zieht Feldman zum ersten Mal Jeans an - und fühlt sich gleich wie ein anderer Mensch. Ihr Buch ist weniger eine Abrechnung mit ihrem einstigen Umfeld als die bewegende Geschichte ihrer persönlichen Entwicklung und Befreiung aus einer fremden, merkwürdigen Welt.

Deborah Feldman: Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. Übersetzt von Christian Ruzicska. Secession, 319 S., € 22,60


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