Deutsche Jugend, nicht versöhnt: Staffellaufen mit Holger Meins

Feuilleton | FILMGESCHICHTE: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016

Holger Meins starb 1974 infolge eines Hungerstreiks. Bevor er sich der terroristischen Rote-Armee-Fraktion anschloss, hatte er daran geglaubt, die Welt mithilfe des Kinos verändern zu können. Er inskribierte 1966 an der neu gegründeten Deutschen Film-und Fernsehakademie (dffb) in Berlin, gehörte -zusammen mit Harun Farocki, Hartmut Bitomsky, Helke Sander, Gerd Conradt und anderen -zu deren berühmtem erstem Jahrgang.

Filme von, mit und über Holger Meins bilden das Herzstück der Retrospektive "Unversöhnt", deren Exponate deutsche Wirklichkeit mit radikalen ästhetischen Mitteln verhandeln. Doch die Reihe geht weit über die 1960er hinaus: Sie reicht von Peter Lorre, dem einstigen Brecht-Schauspieler und Hollywoodstar, der 1951 mit dem Remigrantenfilm "Der Verlorene" seine einzige Regiearbeit realisierte, bis zu Gerhard Friedls visionärem Essay "Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?"(2004).

Für die Politisierung der Filmer entscheidend war der 2. Juni 1967, als bei einer Demo gegen den iranischen Schah der Student Benno Ohnesorg ermordet wurde. Helke Sander drehte mit "Brecht die Macht der Manipulateure" ein analytisches Pamphlet gegen die Bild-Zeitung des Springer-Verlags. Gerd Conradt versammelte seine Kommilitonen in "Farbtest Rote Fahne" zum Staffellauf durch Berlin; am Ende wird die rote Fahne am Balkon des Rathauses Schöneberg gehisst.

Meins selbst scheint sich nie in den Vordergrund gespielt, sondern eher als Teamplayer verstanden zu haben. Er lief in erwähnter Staffel mit und führte die Kamera bei den ersten Filmen von Farocki und Bitomsky. Seine einzige erhaltene eigene Arbeit, "Oskar Langenfeld 12x", datiert von 1966 und ist eine emphatische, dabei kühl durchstrukturierte Szenenfolge vom Leben eines tuberkulosekranken Lumpensammlers aus Berlin-Kreuzberg.

Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, die mit vier Werken in dieser Retro vertreten sind, widmeten Meins ihren Film "Moses und Aron".

"Unversöhnt": von 22.4. bis 4.5. im Österreichischen Filmmuseum


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige