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Politik | GERLINDE PÖLSLER | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016

Die Entlarvung Europas

Europa und die Demokratie stehen auf der Kippe, warnen Markus Metz und Georg Seeßlen. Aber gerade nicht wegen des "Flüchtlingsansturms", wie es gern heißt, sondern im Gegenteil: "Es sind die Flüchtlinge und die Reaktionen auf sie, die deutlich machen, wie sehr sich die Projekte 'Demokratie' und 'Europa' bereits in Fiktion und Maskerade aufgelöst haben."

Die deutschen Publizisten machen gleich im ersten Satz klar: "Dieses Buch ist im Zorn geschrieben." Manches mag man überzogen finden, etwa wenn es heißt, die Flüchtlinge seien nach ihrer gefährlichen Reise mit Europa nur "in einer anderen Hölle gelandet". In jedem Fall erhellen die scharfen Analysen all das, was wir seit Monaten erleben. Wie etwa die Politik ein ums andere Mal den "Ausnahmezustand" konstruiert, mit dem sich dann Grenz-und Rechtsüberschreitungen rechtfertigen lassen: Finanzkrise, Krieg gegen den Terror, "Flüchtlingskrise". Wie die "marktförmige Demokratie" im Neoliberalismus über den Ausschluss (und dessen Androhung) funktioniert und wie der Flüchtling darin zum "Störfall" wird, der "sich nicht ausschließen lässt". Die Autoren vergleichen den Flüchtling mit dem "Homo sacer" nach Giorgio Agamben (siehe auch "Wieder gelesen"), dem Vogelfreien, der aber auch nicht geopfert werden darf. Das bringe ein "Nebeneinander von Herabstufung und Entwürdigung mit Sentimentalisierung und selbstgerechter Befriedigung angesichts der eigenen Großzügigkeit" mit sich.

In ihrem furiosen Epilog fassen Metz/Seeßlen das angebliche "Verbrechen", das von den Flüchtlingen ausgeht, so zusammen: "Es wird Veränderungen geben." Die Neuankömmlinge gäben Europa die Chance, sich von Neoliberalismus und Neid, von Oberflächlichkeit und Dummheit abzuwenden und die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Wenn es denn nur wollte.

Markus Metz, Georg Seeßlen: Hass und Hoffnung. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge. Bertz+Fischer, 260 S., € 10,20


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