Film Neu im Kino

Amerika, neu aufgesetzt: Doku "Above and Below"

Lexikon | MARTIN THOMSON | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016

In Anbetracht von episodisch strukturierten Filmen lässt sich die Zusammenstellung von verschiedenen Handlungssträngen, Figuren oder Milieus entweder als beliebig oder als episch beurteilen. So fragt man sich bei "Above and Below" denn auch erst mal, was ein bettelarmes Liebespaar, das sich ein Domizil in den Abwasserkanälen von Las Vegas errichtet hat mit einem Aussteiger zu tun haben soll, der einen Bunker in der Wüste von Kalifornien bewohnt. Und in welchem Zusammenhang das wiederum mit einer Irak-Veteranin stehen könnte, die so tut, als wäre die Einöde um sie herum keine Gebirgsregion in Utah, sondern eine Landschaft auf dem Mars.

Aber der erste, mehr aus Ratlosigkeit entstehende Eindruck, dass Nicolas Steiner ziellos zusammen würfelt, was ihm zum Thema USA an Gemeinplätzen durch den Kopf geschossen und an Personen vor die Kamera gekommen ist, will sich nicht bestätigen. Denn er inszeniert sie nie so, als wären sie nur Chiffren für soziale Entfremdung, Vereinzelung und Ungleichheit. Er zeigt sie auch in ihren individuellen Eigenschaften, Sehnsüchten und Glücksmomenten. Und manchmal sprühen sie vor Vitalität, und mit ihr die ästhetische Ekstase, die mitunter Landschaften kippen, Farben und Lichter explodieren lässt und dadurch ein Gefühl von Weite und Schwindel erzeugt.

In der Unabhängigkeit, die sie verköpern, spiegelt sich die dichterische Freiheit ihres Porträtisten wider, der scheinbar Unzusammenhängendes zusammenbringt, so dass episch zu erzählen bedeutet, etwas auf autonome, offene und assoziativ ungezügelte Weise darzulegen. Der amerikanische Traum. Aber in seiner idealistischen Ur-Version, die Thoreau näher steht als Trump. Die Wolkenkratzer am diesigen Horizont erscheinen da nur mehr wie ein Trugbild.

Im Filmhaus am Spittelberg (OmU)


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