Für eine Handvoll Veilchen

Karin Böhmer ist Wildblumensamensammlerin. Wer das für einen exotischen Beruf ohne allgemeine Relevanz hält, irrt: eine Waldviertler Lektion in Sachen Ökologie, Naturschutz und Nachhaltigkeit


Exkursion: Julia Kospach
Landleben | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016


Foto: Christopher Mavric

Foto: Christopher Mavric

Wer zu Karin Böhmer vordringen möchte, wird im Innenhof ihres alten Gehöfts zuerst einmal von vier großen Ziegen empfangen, die einen so entgeistert anstarren, als hätte man sich vom Mars kommend neben ihnen materialisiert. Nebenan im Stall blöken Schafe. Klopft man dann zwischen Büscheln von weiß blühendem Bärlauch und Taubnesseln an die niedrige Haustür, beginnt ein heiseres Keuchen, das nur vage an Hundegebell erinnert. Die Tür öffnet sich, heraus stürmt erst Karin Böhmers alter Hund Bärli, ein begeistert wedelnder gefleckter Australian Shepherd, gefolgt von Karin Böhmer selbst, die schon Mitte April die gut gebräunte Gesichtsfarbe all jener besitzt, deren Arbeit sich großteils unter freiem Himmel abspielt.

Im Moment sei Hauptbestellzeit, aber heute ein ruhiger Tag, sagt Karin Böhmer kurz darauf bei einer Tasse Tee in ihrer Küche, um danach von einem im Minutentakt scheppernden Telefon eines Besseren belehrt zu werden. Sie schaltet grinsend auf lautlos. Drei Katzen, die wohlig hingestreckt auf Sesseln und Fensterbrett lagern, schauen kurz auf. „Die Katzen sind ganz besonders wichtig“, erklärt sie. Wichtig sind sie deswegen, weil es hier auf dem Hof im winzigen Waldviertler Dorf Voitsau, wo Karin Böhmer seit 30 Jahren lebt, vor allem um eines geht: um Saatgut, das nicht von Mäusen gefressen werden soll, genauer gesagt um die Samen von Wildblumen, die Karin Böhmer sammelt und vertreibt. Das ist ihre Arbeit.

Auf den ersten Blick mag man das für eine äußerst randständige Beschäftigung halten, ein Orchideenfach im wörtlichen Sinn, denn auch heimische Orchideenarten wie das extrem rare Stattliche Knabenkraut stehen auf der Liste der rund 900 Wildblumenarten, von denen Karin Böhmer und ihr kleines Team von Mitarbeiterinnen Samen sammeln – auf Feuchtwiesen und Wiesenrainen, Trockenrasen und an Gehölzrändern, auf Magerwiesen und Schotterflächen. Insgesamt zwölf Hektar ökologisch wertvoller Flächen rund um Voitsau hat Karin Böhmer dafür gepachtet. Dazu kommen noch ein paar hundert Hektar Flächen in der Steiermark, in Kärnten und im Burgenland – von Hochalmen über Flusstäler bis zu Auwäldern. Seit 2013 darf Karin Böhmer auch in ausgewählten niederösterreichischen Naturschutzgebieten sammeln. Für einzelne geschützte Arten, die auf ihren Pachtflächen rund um Voitsau wachsen, hat sie zudem eine eigene Sammelerlaubnis von der Naturschutzabteilung des Landes Niederösterreich.

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