Romy + the Machine

Falters Zoo | Lukas Matzinger | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016

Man will ja nicht sagen, die Romy-Verleihung sei inzestuös. Aber es hat schon wieder Tobias Moretti gewonnen. Schon wieder Adele Neuhauser gewonnen. Schon wieder Hans Sigl gewonnen. Schon wieder Ursula Strauss gewonnen. Und wer hat moderiert? Der Mann für Alles und Nichts beim ORF, Andi Knoll. Das abendgewordene Mittelmaß österreichischer Unterhaltungsleistung tagte am vergangenen Wochenende in der Hofburg zum 27. Mal. Die Gewinner sind bekannt. Ach so, Barbara Schöneberger fehlt noch, die hat die Sause die letzten zwei Jahre moderiert und heuer dementsprechend selbst einen Preis gewonnen. Ein leiser Moment der Größe kam auf, als Michael Niavarani dem Lebenspreisträger Ott o Schenk laudierte und dieser den Preis annahm, wie nur Otto Schenk Preise annehmen kann. Die Statuen für das Fernsehereignis des Jahres hat der Song-Contest-Kommentator Andi Knoll dann echt persönlich an Kathrin Zechner und Andreas Wrabetz für die Austragung des ESC 2015 übergeben. Man will ja nicht sagen, die Romy-Verleihung sei inzestuös.

Falters Zoo hat im Wesentlichen zwei Aufgaben: das Herzeigen herzeigenswerter Stadtveranstaltungen und die Persiflage üblicher Society-Berichterstattung. Hier und jetzt wird dem Zoo ein dritter Zweck zugeführt: die entrückend enthusiastische Replik auf das größte Konzert der vergangenen Woche. Denn was Florence Welsh mit ihrer Machine vergangenen Dienstag in der maximalkapazitär ausgelegten und trotzdem ausverkauften Stadthalle gemacht hat, darf nicht unbesprochen bleiben. Bevor Ex-Oasis-Bruder Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds am selben Abend auf die Bühne des Gasometers flog, hat Florence Welsh ihr Publikum schon das erste Mal auf die drohende Gefahr hingewiesen: "Do you want to get high with us?"- und der Stadt danach eine Show hinterlassen, von der man wahrscheinlich als bestes Konzert des Jahres reden wird müssen. Über ihre Stimme wurde schon alles gesagt, die würde ihresgleichen suchen, würde sie irgendetwas suchen müssen -Florence Welsh singt im Sprint schöner als 99,9 Prozent der Weltbevölkerung in perfekter Position. Aber diese Energie, die sie dalässt, von der man sich nur wünscht, ein kleines Stück konservieren zu können und mit nach Hause zu nehmen und sie aufzumachen und rauszuholen, wenn man sie gerade braucht - die ist das, was man nicht zu fassen kriegt. Florence Welsh ist eine Bühnenperson wie im großen Theater, die einen fängt, wie man es sich wünscht, gefangen zu werden. Nichts bei Florence ist karikiert, nichts zynisch, das echte Gefühl zählt. Sie nimmt den ganzen Platz ein, alles weht nach ihr, weg von den Falten ihres Kleides bis in den letzten Winkel der Messehalle. Laut Geburtsurkunde ist Florence Welsh jetzt 29. Sie könnte aber auch 150 sein oder 200 - die alte Lichtgestalt irgendeiner kranken Sekte. Welche Drogen sie sich vor der Show einwirft, fragt einer im Publikum. Ganz falsch gestellt. Am ehesten ist sie die Droge selbst, ihre Performance ist versext im Sinne maximaler Anziehungskraft. Nach 100 Minuten entlässt Florence aus dem Rausch. Alle schreien. Sie werden beginnen müssen, sich damit abzufinden, dass Florence Welsh kein so ganz normaler Mensch wie du und ich ist.


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