Stullen, immer im Rahmen

Highlight der ungewöhnlichen Geschäftskombis: Bilderrahmen und Sandwiches


Lokalkritik: Florian Holzer
Stadtleben | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Vor drei Monaten las man noch auf einem Zettel, der an die Tür geklebt war, dass Herr Leutner, der Rahmenmacher und Rahmenhändler, hier bald Eis machen würde. Das stimmt jetzt so nicht ganz, denn Herr Leutner machte zwar ein kleines Geschäft auf, in dem man schöne, alte Bilderrahmen mit kulinarischem Zusatznutzen bekommt, allerdings handelt es sich dabei nicht um Gelato, sondern um Sandwiches.

Die stammen von Lukas und Jens, zwei deutschen Studenten in Wien, Lukas Psychologie, Jens Wirtschaft, beide wohnen in einer WG ein paar Gassen weiter, und weil sie zu Hause in ihrer Küche eigentlich auch immer Sandwiches machen, überhaupt große Sandwich-Fans sind und Jens der Meinung ist, dass man was Eigenes machen müsse, packten sie die Gelegenheit beim Schopf. Sagt Lukas.

Das Modell „Eigenbrötler“ könnte nicht einfacher sein: Das Geschäft mit seinen Regalen, in denen die schönen Rahmen lehnen, die Fensterbretter wurden zu provisorischen Sitzgelegenheiten, ein kleines, rundes Tischchen, ein Getränkekühlschrank mit den üblichen Hipsterdrink-Verdächtigen, und dann ist da noch eine Vitrine, in der ein bisschen Obst sehr dekorativ arrangiert ist und sich ein paar Sandwiches tummeln.

Ich mein, das ist so simpel, da waren sogar unsere Geburtstagsfestl-Buffets in den 80er-Jahren aufwendiger. Aber genau diese Schlichtheit ist es natürlich, die einen unglaublichen Reiz verströmt, und der auch ein kreatives Potenzial innewohnt, wie es in Wien derzeit ja noch nicht wirklich erkannt werden will. Denn für Gastronomie, so denkt man hier, braucht’s ein Lokal mit Küche und Entlüftung und Fettabscheider und Personaltoiletten und Gastgarten.

Braucht es aber eben nicht. Es braucht Ideen, und es braucht Konzepte, wie diese Ideen möglichst schnell umgesetzt werden können, ohne auf Betriebsanlagengenehmigungen und Anrainer-Begehungen zu warten.

Nun ja, und solche Ideen und Konzepte sind in Wien halt eher rar, weshalb diese winzigen, einigermaßen risikolosen und lustigen Start-ups eben von deutschen Studenten gemacht werden müssen. Und da muss man dann halt auch in Kauf nehmen, dass sie zu den gefüllten Broten „Stullen“ sagen, und zu einer gelungenen Füllung „lecker“. Auch wenn’s schwer fällt.

Wobei: Die Neuerfindung des Sandwich-Rades sind die „Eigenbrötler“ derzeit sicher noch nicht, das Roggenbrot mit Roastbeef, Senf, Endivie, Gurkerl und Kren war sehr okay, das Baguette mit Gorgonzola, Birne, Walnuss und Radicchio auch sehr liebevoll gemacht, aber sicher noch nicht London-Standard (je € 4,50).

Aber das kann ja noch werden,
die Burschen haben sowohl Mut als auch Ideen. Und zu trinken gibt’s unter anderem Kölsch, weil Jens nämlich aus Köln kommt. Und das mit dem Eis wird demnächst dann auch Thema.

Resümee:

Zwei junge Start-up-Sandwichmacher erproben ihre persönlichen Sand-wich-Vorlieben jetzt an der Öffentlichkeit.

Eigenbrötler
7., Westbahnstr. 48
Tel. 0677/62 03 87 88
Mo–Sa 11–22 Uhr
www.facebook.com/eigenbrötler


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