Tiere

Ausgeforscht

Peter Iwaniewicz hält Becquerel nicht für eine Margarinemarke

Falters Zoo | aus FALTER 16/16 vom 20.04.2016


Wäre ich Aphoristiker, dann würde ich diese Kolumne so beginnen: Gute Forscher erkennt man daran, dass sie jene Fragen stellen, die andere hinter Antworten versteckt haben. Mangels derartigem Lebensziel weise ich einfach nur auf die Lange Nacht der Forschung am 22. April hin, bei der sowohl Fragen als auch Antworten ein interessiertes Publikum umgarnen werden. Auf der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik erfährt man zum Beispiel „Was passiert eigentlich, während wir aus dem Fenster schauen?“. Das hört sich zuerst sehr einfach an, doch was weiß man wirklich über diese ebenso häufig praktizierte wie unerforschte menschliche Tätigkeit?

Andere Orte, wie die Bundesstrahlenwarnzentrale (BStrWZ), sollte man schon allein wegen ihrer föderalistischen und bindestrichfreien Bezeichnung besuchen und dort an einer „Live-Demonstration von Auswirkungen im Fall einer radiologischen Notstandssituation“ teilnehmen. Klingt …ääh, aufregend.

Passend zum 30. Jahrestag des Super-GAUs von Tschernobyl bietet das Vienna International Center einen Workshop mit dem Titel „ Learn how a nuclear reactor operates by running one!“ an. Da Atomkraftwerke nur elf Prozent der weltweiten Energie produzieren, bedarf es hier offenbar noch der Bildungsarbeit.

Die Wissenschaftler selbst könnten wiederum noch mehr Schulungen im Umgang mit Medien vertragen. Obwohl seriöse Forscher seit drei Jahrzehnten Studien über die – durchwegs negativen – Auswirkungen der Radioaktivität auf die Tierwelt bei Tschernobyl veröffentlichen, wird in den Zeitungen immer öfter berichtet, dass sich die Natur das kontaminierte Gebiet erfolgreich zurückerobert. Als eine britische Universität Tierspuren im Schnee im mittlerweile 4200 Quadratkilometer großen Sperrgebiet auswertete, sagte der Forschungsleiter vor den Medien: „Sehr wahrscheinlich gibt es inzwischen mehr Wildtiere um Tschernobyl als vor dem Unglück“. Den zweiten Teil seines Satzes, „unsere Studie sagt jedoch nicht aus, dass Strahlung gut für die Tiere ist, sondern dass Landwirtschaft, Jagd und Forstwirtschaft den Arten noch mehr schaden als die Radioaktivität“, wollte niemand mehr hören.

Für 94 Dollar bietet ein Reisebüro einen Ausflug in die Sperrzone, wo man sich selbst ein Bild von der strahlenden Natur um den Reaktor machen und sogar eine „herzhafte und ökologisch saubere“ Jause genießen kann. Mahlzeit!


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