Selbstversuch

Jetzt nicht in Wien-Neubau, aber sonst schon

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 17/16 vom 27.04.2016

Heute schmähstad, eh wie alle. Unerwarteter Wintereinbruch in jeder Hinsicht. Diese Wahl hat auch mich überrascht, auch wenn ich diesmal nicht wie sonst auf ein eh nicht so schlimmes Ergebnis gewettet habe. Österreich ist jetzt wie die Schweiz: ein ordentliches, wohlhabendes rechtes Land. Die FPÖ hat es mit Hofer geschafft, den Igitt-Faktor abzuschütteln, der sie bisher für den größeren Teil einer bürgerlichen Mitte noch unwählbar gemacht hat, und wird jetzt eine Art SVP, eine Krawattenrechte, mit paritätisch aus sauberen Rechtskonservativen und strammen Deutschnationalen besetztem Aufsichtrat und einem Bierzeltflügel ganz rechts.

Es bleibt für den 22. Mai die Hoffnung, dass das Potenzial schon weitgehend ausgereizt ist, dass sich nicht mehr als die Hälfte der Österreicher von einem rechten Präsidenten repräsentieren lassen möchte, aber die Hoffnung ist nicht sehr groß. Man muss jetzt davon ausgehen, dass die meisten Leute, mit denen man zu tun hat, FPÖ wählen; außer man bleibt in Wien, westlich der Donau und im eigenen Garten. Keine innere Emigration, sondern eine Flucht in die eigenen vier Wände sozusagen und in eine Gesellschaft von zuverlässig Gleichgesinnten.

Was natürlich nicht geht, genauso wenig, wie man sonst etwas tun kann. Diskutieren bringt nichts. Argumente bringen nichts. Die Tatsache, dass wir in Frieden, in einem einigermaßen stabilen sozialen Netz, in relativ großer Sicherheit leben, greift nicht. Der Umstand, dass einem weit und breit kein Flüchtling irgendwelche Privilegien streitig macht oder unguten Einfluss auf das eigene Wohl hat, ist nicht von Bedeutung.

Das sieht man, man hat ja mit vielen FPÖ-Wählern zu tun. Jetzt vielleicht nicht in Wien-Neubau, aber draußen auf dem Land. Es sind sehr nette und hilfsbereite Leute; es sind fleißige, ordentliche Menschen, freundliche Nachbarn, soziale Dörfler, die in die Gemeinschaft investieren. Man lebt gut miteinander; man grüßt sich, man plaudert, man hilft einander, man macht Geschäfte, man kommt miteinander aus. Es ist ein guter, angenehmer Alltag, in dem nichts davon zu spüren ist, dass man verschiedenen Lagern angehört. Man weiß es natürlich, aber es spielt keine große Rolle. Also solange man nur nicht mehr als ein oder zwei Bier miteinander trinkt und dann anfängt, über Politik zu diskutieren. Dann kann es rau werden und ungut, und es bringt nichts, auf beiden Seiten nicht, deshalb vermeidet man das eher. Aber solange man sich daran hält, ist eigentlich alles entspannt und problemlos und easy.

Natürlich fragt man sich, ob und wie sich das verändern wird, mit einem FPÖ-Präsidenten. Ob die Genugtuung, zu den Gewinnern, zu einer Mehrheit zu gehören, in den Alltag, ins Zusammenleben gespült werden wird, und wenn ja, mit welchem Effekt: Werden die Gräben tiefer werden, spürbarer? Oder das genaue Gegenteil, weil das Gefühl des Zu-kurz-Kommens wegfällt?

Werma sehen, nach dem 22. Mai. Und vielleicht auch nicht.


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