Musiktheater Kritik

Eskapismus der Untoten im Kriegsjahr 1942

Lexikon | HR | aus FALTER 17/16 vom 27.04.2016

Muss man dieses L'art-pour-l'art- "Konversationsstück" heute noch machen? Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde Richard Strauss' "Capriccio", seine von ihm selbst als "Testament" bezeichnete letzte Oper, in München vor versammelten NS-Granden uraufgeführt. In dem eigentlich eskapistischen Stück wird die uralte Frage der Oper selbst zum Thema: Ob in ihr die Worte oder die Musik wichtiger sind, wird gelehrt und kunstreich im Parlando-Stil mit ein paar großen Soloszenen abgehandelt.

Auf der einen Seite vom Komponisten Flamand (Daniel Behle), dem Dichter Olivier (Daniel Schmutzhard), der Schauspielerin Clairon (Tanja Ariane Baumgartner) und dem Theaterdirektor La Roche (Lars Woldt), auf der anderen von Gräfin Madeleine (Maria Bengtsson versucht, an große Sopran-Vorgängerinnen anzuknüpfen) und dem Grafen (Andrè Schuen), die alle recht gut sind und doch, unterstützt vom sachwalterisch sängerfreundlichen, aber zu wenig die Feinheiten der differenzierten Partitur herausarbeitenden Dirigenten Bertrand de Billy, nicht restlos berühren.

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca und ihre Dramaturgin versuchten, den Zeitbezug zum Entstehungsjahr herzustellen, indem sie auf der Bühnenschräge zu Beginn die Akteure, teils mit Stahlhelmen, von den Toten auf einem "Schlachtfeld der Geschichte", wie es im Programmheft heißt, wiederauferstehen lassen, damit sie über diese Fragen ästhetisch spitzfindig philosophieren können und eben nicht in einem Rokoko-Salon, den Strauss &Clemens Kraus intendierten (der ursprüngliche Ideengeber Stefan Zweig hatte sich schon in Brasilien umgebracht).

Die Inszenierung ist gekonnt, trocken und witzig, auch manche Pointen, etwa die des Abschminkens der Protagonisten. Gürbaca erhielt dennoch dafür Buhs einer Mehrheit des Publikums.

Theater an der Wien, Fr, Mo 19.00


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