Kunst Kritik

Im Hotelzimmer von Edward Snowden

Lexikon | NS | aus FALTER 17/16 vom 27.04.2016

Die Flüchtlingsfahrt hat sich bereits 2011 ereignet, gibt aber für heute viel zu denken auf. In ihrem Video "Liquid Traces - The Left-to-Die Boat Case" haben die Künstler Lorenzo Pezzani und Charles Heller ein Bootsunglück lybischer Flüchtlinge rekonstruiert. Die in Not geratenen Bootsinsassen riefen per Satellitentelefon einen Pater in Rom und wurden per Helikopter mit Wasser und Keksen versorgt. Allerdings kamen in der Folge weder die nahegelegenen Nato-Schiffe noch andere Boote zu Hilfe, und auch die Luftkontrolle reagierte nicht, woraufhin nur ein Bruchteil der Insassen überlebte.

In der sehenswerten Ausstellung "As Rights Go By. Über Rechtsverlust und Rechtlosigkeit", die derzeit im Freiraum des Museumsquartiers läuft, wird dieser minutiös recherchierte Fall von Sterbenlassen an den Grenzen Europas wie ein Satellitenvideo dargestellt. Die von Sabine Winkler kuratierte Schau zeigt Arbeiten, die das Aushebeln von Bürgerrechten vor dem Hintergrund von Sicherheitspolitik und ökonomischen Interessen behandeln. In seiner Serie von Aquarellen "TTIP Lobbyist" greift der Belgrader Künstler Vladimir Miladinovic historische Werbeanzeigen von Firmen wie BMW, Bayer oder Shell auf, die am aktuellen Freihandelsabkommen interessiert sind und auch schon vom Zweiten Weltkrieg ökonomisch profitierten.

In seinem Sci-Fi-Video "Sequence Error" führt der griechische Künstler George Drivas in Büros eines Unternehmens, wo eine Kündigungswelle ansteht. Die gesprochenen Zitate stammen jedoch aus Reden über Krisen des Systems von Che Guevara und George Marshall. Die griechische Finanzmisere steht im Vordergrund der Installation "The Amazing Board Games Club" von Lina Theodorou, bei der Brettspiele wie "Save the Pensioner" die Krise mit zynischem Humor zur Würfelpartie umwandeln.

Freiraum MQ/Quartier21, bis 5.6.


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