Landrand Ruralismus

Wahltag ist Qualtag. Vom Leid an der Urne

Landleben | Florian Klenk | aus FALTER 17/16 vom 27.04.2016

Am Eingang der Schule hat er Aufstellung genommen, der Dorfpolitiker. Er begrüßt die Wählerinnen und Wähler. "Griaß di, servas, wie geht's, wie steht's?", sagt er. "Griaß di, servas, beides no immer!", scherzt der Wähler. "Wer wird's werd'n?", fragen sie einander.

Drinnen in der Schule haben sie die Tische zur Seite geschoben, die Böden sind gewienert. Es riecht scharf nach Hauspatschen und Schultoilette, und über den Klassenzimmertüren hängen der Bundesheinzi und der junge Erwin. Man könnte fast glauben, die beiden Kaiser schauen in die Wahlkabine rein.

"Griaß di, servas, wie geht's dir?", sagt er. Den ganzen Tag. Zu allen Wählern, auch zu den vielen grantigen und verbissenen, für die er seine Freizeit opfert. Vielleicht sind ja Unentschlossene dabei. Ein falsches Griaß di, und die Stimme ist weg, denkt er.

Am Abend, wenn er die Stimmen ausgezählt hat, wird er heimgehen. Er hat hunderten Wählern in die Augen geschaut und ihre Kuverts aus den Urnen geholt. Er hört in den Nachrichten, dass der Wähler nie irrt, dass er der Souverän sei. So ein Bledsinn, denkt er. Das sagt er aber nicht laut. Nie.


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