"Die Idee von Subkultur ist gestorben"

Einmal noch in kleinem Rahmen: Isolation Berlin, Deutschlands spannendste junge Rockband

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 17/16 vom 27.04.2016


Foto: Noel Richter

Foto: Noel Richter

Die zwei Musiker wirken aus der Zeit gefallen, nur aus welcher Zeit, das ist nicht ganz klar. Max Bauer, 24, – gestreiftes Shirt, blaue Flohmarktjacke, enge Jeans – sieht aus wie der kleine Bruder des New Yorker Songwriter-Schlingels Adam Green. Tobias Bamborschke, 27, trägt eine Mütze, den Pulli übers Hemd und eine schwarze Lederjacke mit dem Namen der Band auf dem Rücken: Isolation Berlin, eigenhändig draufgekrakelt. Bauer spielt Gitarre, Bamborschke singt und schreibt die Texte. Gemeinsam haben sie Isolation Berlin, heute ein Quartett, 2012 gegründet. Bald war von der aufregendsten jungen deutschen Gitarrenband die Rede, das kürzlich erschienene erste Album „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ wird diesen Vorschusslorbeeren durchaus gerecht.

Falter: Der Name Isolation Berlin klingt nach Konzept. Gibt es das?

Tobias Bamborschke: Nein, dieser Name benennt einfach den Geburtsort meiner Kreativität. Früher habe ich kaum Songs geschrieben. Dann ging es mir durch eine Trennung sehr schlecht, und die Depression hat eine kreative Tür geöffnet. Diese Krise habe ich „Isolation Berlin“ genannt.

Ihre Lieder verbinden jugendlichen Überschwang und altersweise Abgeklärtheit. Wie kommt das?

Bamborschke: Ich habe mich lange Zeit verbogen, weil ich es immer ganz vielen Leuten recht machen wollte. Dadurch habe ich ein bisschen meine Jugend verpasst. Gleichzeitig habe ich in der Zeit so viel Scheiß erlebt, dass es mir vorkommt, ich wäre um tausend Jahre gealtert. Dadurch mischt sich wohl eine enttäuschte Abgeklärtheit mit der Sehnsucht nach einer Jugend, die ich nie hatte.

Warum sind Sie Musiker geworden?

Bamborschke: Auf der Suche nach etwas, das mich nicht langweilt, ist irgendwann nur Musik übrig geblieben. Alles andere war einfach scheiße.

Eine der ersten Aufnahmen von Isolation Berlin war ein Cover der obskuren Punkband Brausepöter.
Wie sind Sie denn auf die gekommen?

Bamborschke: Wir haben uns eine Zeit lang stark für Postpunk und Neue Deutsche Welle interessiert. Beim Durchklicken auf Youtube sind wir eben auch auf Brausepöter und ihren Song „Keiner kann uns ab“ gestoßen, der unsere damalige Stimmung ganz gut zusammengefasst hat.

Früher waren Bands wie Brausepöter subkulturelles Geheimwissen, heute kann man sie durch ein paar Youtube-Klicks entdecken. Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber?

Bamborschke: Sie hat Vor- und Nachteile. Der Zugang wurde vereinfacht, dafür gibt es das Gemeinschaftsgefühl nicht mehr. Früher hat man sich dadurch kennengelernt, dass man die richtigen Bands hört, sich gegenseitig spannende Platten auf Kassette überspielt und sich damit beschäftigt – so stelle ich mir das jedenfalls vor. Man beschäftigt sich zwar auch heute noch intensiv mit etwas, steigert sich letztlich aber nicht mehr so rein.

Max Bauer: Die ganze Idee von Subkultur ist gestorben.

Was bedeutet das fürs Selbstverständnis als Band?

Bauer: Du hast ungemein viele Möglichkeiten, auf Dinge zurückzugreifen. Es gibt keine Bewegung, der du angehörst, aber du nimmst alles auf wie ein Schwamm. Und das spiegelt sich auch in der Musik wider.

Bamborschke: Diese Rückgriffe sind wie Gewürze, die es einem ermöglichen, Neues zu schaffen. Letztlich waren klassische Subkulturen ja auch eine eingeschränkte Sache. Du hattest zehn Punkplatten, die alle ähnlich klangen, und dann hast du eben genauso eine Musik gemacht. Die alten Dogmen interessiert heute keinen mehr. Man kann Lederjacke tragen, dazu eine Anzughose und Schlager singen. Man muss keinen Regeln gerecht werden, sondern man kann sich immer wieder neu erfinden, was eigentlich ein riesiger Luxus ist. Wir gründen trotzdem gerade eine neue Szene, „Berliner Schule Protopop“.

Was soll diese Szene auszeichnen?

Bamborschke: Kreativität, Genie und Vielfalt. Eigentlich ist das mit der neuen Berliner Schule ja nur ein Witz. Aber schön wäre es schon.

Bauer: Es ist utopisch, denn in Youtube-Zeiten steht jede Band für sich.

Bamborschke: Es ist ein Traum – an den wir aber nicht glauben.

Haben in Ihren Traum auch österreichische Acts Platz?

Bamborschke: Den Nino aus Wien würden wir schon fast in unsere Bewegung aufnehmen.

Bauer: Ja, der ist eigentlich Protopop.

Bamborschke: Er ist ein Typ und nicht so aufgeblasen. Seine Musik ist sehr vielfältig, gleichzeitig wirkt es so, als sei ihm alles scheißegal. Tatsächlich macht er sich aber seine Gedanken. Ich mag Künstler, die nicht einfach nur ein Thema konsequent durchziehen.

Rhiz, Do 21.00


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