Film Retrospektive

Nur für Erwachsene: "Sex and the City" in den 30ern

GERHARD MIDDING | Lexikon | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Fünf, sechs Jahre, vom Durchbruch des Tonfilms bis 1934, herrschte in Hollywood mit einem Mal Anarchie. Die Studios gingen unbekümmert auf die Jagd nach den Sensationen Gewalt und Sex. Die Machenschaften von Sensationsreportern, Winkeladvokaten, Gangstern und Goldgräberinnen mussten plötzlich nicht mehr bestraft werden. Huren brauchten nicht mal ein goldenes Herz haben, um sympathisch zu sein. Wie ergiebig diese Zeitspanne vor allem für Warner Bros. war, zeigt nun die Retrospektive "Sex and the City" des Filmmuseums.

Bevor der ehemalige Postminister Will Hays den sogenannten Production Code als sittenstrengen Leitfaden der Selbstkontrolle durchsetzte, hielt das Lebensgefühl des leichtsinnigen Jazz-Age Einzug ins Kino und kollidierte mit der Verzweiflung der Depressionsära. Die Pre-Code-Filme spiegeln dieses Zeitklima wider, indem sie eine eigene Ästhetik der Freizügigkeit formulieren. Ihr Tempo ist atemlos (selten dauern sie länger als 80 Minuten), sie sind rissig und rauschhaft erzählt, Abblenden brechen mitten in Dialogzeilen ein, rasante Montagesequenzen raffen die Handlung dynamisch. Ein verschollenes Kino der frech schweifenden Blicke ist zu entdecken: Der Choreograf Busby Berkeley entwarf Kaleidoskope der Schlüpfrigkeit.

Freilich erschöpfte sich die Pre-Code-Ästhetik nicht in launiger Respektlosigkeit, sondern warf Schlaglichter auf die pathologische Seite der Sexualität und fand überdies fortschrittliche Lösungen für die drängenden sozialen Probleme. Es werden Kooperativen gebildet und Streiks als legitime Mittel des Arbeitskampfes kinofähig. Den Mythos der Individualität stellt die grimmige Inszenierung von Massenszenen nachhaltig infrage; nie wieder sollte man danach auf Amerikas Leinwänden so lange Arbeitslosenschlangen sehen.

Ab Fr im Österreichischen Filmmuseum


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