Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die schönste Stimme der Welt der Woche


KLAUS NÜCHTERN
Feuilleton | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Liebe Laura Gibson,

Sie kennen mich nicht. Ich bin ein Kollege von Gerhard Stöger, der Ihr jüngstes Album "Empire Builder" sehr wohlwollend, wenn auch übertrieben zurückhaltend besprochen hat. Es steht mir freilich nicht zu, darüber zu klagen, denn als ich ihm meine Hingerissenheit per SMS kundtat, antwortete Stöger: "Oida, die hab ich dir vor Jahren ans Herz gelegt, da hast du nicht so enthusiastisch reagiert."

Verehrte Frau Gibson, das tut mir aufrichtig leid. Vielleicht war ich damals einfach noch nicht bereit, Ihrer Musik mein Herz zu öffnen. Ich bin deswegen kein schlechter Mensch. Unlängst habe ich mir Ihre "Live on KEXP"-Performance auf Youtube angesehen und war zu Tränen gerührt. Wie Sie da in Ihrem Strickwesterl aus Eichhörnchenhaar im Studio stehen und "Milk-Heavy, Pollen-Eyed" singen, während Ihre Klarinettistin fast gar nichts macht, das ist von berückender Anmut.

Bei Männern meines Alters schiebt man solche Reaktionen gerne auf Hormone, Trinkgewohnheiten oder eine Mischung aus beidem, aber ich versichere Ihnen, dass es mir am folgenden Tag nach dem Frühstück genauso ergangen ist.

Verzeihen Sie, Frau Gibson, meine Dreistigkeit, aber Sie brauchen nicht zufällig noch jemanden, der fast nichts auf der Klarinette macht? Das wäre mein Traum. Ich wäre aber schon überglücklich, wenn Sie irgendeine Verwendung für mich hätten.

Ich könnte Ingwertee aufbrühen, Ihr Kirschkernkissen im Backrohr aufwärmen oder die Strickwesterln in die Putzerei tragen. Zögern Sie im Bedarfsfalle also nicht, mich bei Ihrem Konzert am 6. Mai im Haus der Musik anzusprechen. Der gutgekleidete, verheulte Herr mit dem Lenin-light-Bärtchen - das bin ich. Bis bald, Ihr

KLAUS NÜCHTERN


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