Historisch verbürgter Grusel: Im Retzer Keller tobt der Ripper

Lexikon | KRITIK: MARTIN PESL | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Tagsüber gibt es hier weinwissenschaftliche Führungen, abends werden die Gänge des Retzer Erlebniskellers zum dreckigen Whitechapel des Jahres 1888. Regisseur Christian Pfeiffer lädt zur Ripperiade: Aus historischen und literarischen Dokumenten zum englischen Frauenmörder Jack the Ripper baut er mit bemerkenswertem Aufwand ein faszinierend komplexes Szenario. Diese theatrale Großunternehmung ist eventig, aber auch bestens durchdacht.

Das Publikum wird in zwei Gruppen durch den Keller geführt und erlebt diverse Szenen, die zunächst vor allem ein Sittenbild des damaligen London zeichnen: Huren und Bettler rücken einem unangenehm auf die Pelle, ein Mädchen beäugt ängstlich eine Frauenleiche mit Blut im Schritt.

Erst mit der Zeit kristallisiert sich eine Geschichte heraus, die zunehmend kriminalistisch kitzelt: Welche der vielen Figuren, denen man wieder und wieder über den Weg läuft, hat nun diese fünf Frauen aufgeschlitzt und zerstückelt? Die aktuelle Quellenlage hat einen Favoriten, aber manche gegenteilige Hinweise geben weiterhin Rätsel auf.

"Jack the Ripper" gab es hier schon 2015. Heuer ist die Besetzung teils neu, jedenfalls aber bestens geführt: Nikolaus Stich als Arzt, Andreas Hajdusic als Zeichner und die - auch alte englische Songs singende - Ermordete Ursula Leitner seien hervorgehoben. So stellt sich durchaus sanfter Grusel ein. Eine gewisse Lust an der Grauslichkeit als sinnlicher Rundumerfahrung ist Voraussetzung. Wenn man die mitbringt, lohnt sich die Ripper-Reise nach Retz unbedingt!

Erlebniskeller, Retz, jeweils Fr, Sa, Do 19.30 (bis 11.6.), www.jack-the-ripper.eu


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige