Fragen Sie Frau Andrea

Voll in der Geige hängen

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Liebe Frau Andrea, letztens rief mich mein Kollege mit den Worten "Ich häng voll in der Geige" zu Hilfe. Als leidenschaftlicher Saiteninstrumentenspieler erkannte ich sofort den Ernst der Lage. Wenngleich es mir unmöglich scheint, dass sich ein erwachsener Mann in einer Geige hilflos verheddert, scheint es doch ein geläufiger Ausdruck für diverse Kalamitäten zu sein. Wie kommt 's? Mario Höbart, Flodorf, per Wolkenkabelbrief

Lieber Mario,

abseits aller süßlichen Wien-Klischees vom Himmel voller Geigen tritt uns die viersaitige Fidel in unterschiedlichen Bildern entgegen. Kein einziges allerdings hat die Violine selbst im Blick, heißt dieselbe doch im Wienerischen gerne Bridschn (Pritsche), Winsl-Bischgodn (Winsel-Biskotte) oder Sagn (Säge). Ähnlich dem Ausdruck Habfm (Harfe) bezeichnet "die Geign" (die Geige) das Bett, wohl wegen der Ähnlichkeit der Drähte des Metalleinsatzes früherer Betten mit den Saiten von Harfe und Geige. In der derben Sprache der Dirnen und Freier war die Geign sowohl die Vulva als auch der Penis (beide lassen sich zu Quietschtönen streichen) und in synekdochischer Übertragung "a oide Geign" (eine alte Frau) oder "a glasse Geign"(eine junge, "gut gebaute" Frau).

Das von Ihnen erwähnte Sprachbild des "Hängens in der Geige" könnte durchaus in allen erwähnten Fällen zutreffen, gäbe es nicht noch bessere Erklärungen. Als Geige, genauer als Halsgeige, Schandgeige oder spanische Geige bezeichnete das Mittelalter ein klappbares Prangerinstrument, das Hals und Handgelenke einer gefesselten Person vor dem Körper fixierte. Solch eine Halsgeige bestand aus zwei symmetrisch angeordneten Holzteilen mit Aussparungen für Hals und Handgelenke. Die Geige diente der Ausführung von Ehrenstrafen und wurde meist Mädchen und Frauen angelegt, um diese öffentlich Schande und Spott auszusetzen. Zu diesem Befund gesellt sich ein weiterer, in dem wir ein Echo auf spätere Kalamitäten sehen dürfen. Wir kennen die Boxer-und Catcher-Befindlichkeit, nach Treffern "in den Seilen zu hängen". Es ist leicht möglich, dass sich das Elend des Verharrens im Schandinstrument der Halsgeige mit dieser Metapher vermischt hat und eine neue erzeugt hat: das Hängen in der Geige. Es kann auch Nichtviolinisten treffen.

www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina


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