Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Alte Gestalten


AT
Falter & Meinung | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

In einer Serie, in der sich Österreichs Intellektuelle über ihr Land äußerten, durfte eine Abrechnung mit der Figur des Intellektuellen nicht fehlen. Sie musste natürlich von einem Intellektuellen kommen, also von Konrad Paul Liessmann, der über den politisch Stellung nehmenden Intellektuellen resümierte: "Wenn es ein Ethos der Intellektuellen gibt, dann ist es die Enthaltsamkeit vor der Praxis. In dem Moment, aber, in dem solche Askese als individuell gestaltete Lebensform unmöglich wird, ist wieder eine Gestalt der Geschichte alt geworden. Ob und was wir nach seinem Fall am Intellektuellen verloren haben, werden wir aber erst wissen, wenn eine andere Zeit ihre Gestalt gefunden hat."

Könnte sein, dass wir erleben, wie diese Zeit Gestalt annimmt. Oder auch, wie das Immergleiche wiederkehrt. Erinnern Sie sich an die Dealer-Linie U6? Vor 20 Jahren hatten wir die "Kokser-Linie U3" zwischen Volkstheater und Johnstraße. Ungestraft von den Wächterinnen einer Underpolitical Overcorrectness konnte Bernhard Odehnal in seiner Reportage trocken resümieren: "Der Kokainhandel in Wien ist in schwarzer Hand. Das behauptet nicht nur die Polizei, das wird auch von Drogenarbeitern und den Süchtigen selbst bestätigt."

Nach langen Wochen machte Raiffeisen-Boss Christian Konrad ernst und feuerte trotz Protesten der Profil-Redaktion Hubertus Czernin, den Herausgeber des Nachrichtenmagazins. Die Profil-Redaktion, damals noch vis-à-vis jener des Falter in der Marc-Aurel-Straße, beflaggte schwarz. Doris Knecht und Martin Staudinger berichteten: "Die wirtschaftliche Lage des Nachrichtenmagazins sei miserabel, hieß es, die Auflage falle ins Bodenlose. () Die neueste Mediaanalyse bescheinigte Profil aber ein all-time high, der mächtigen Konkurrenz von News zum Trotz hatten es Czernin und seine Belegschaft geschafft, die Auflage auf 558.0000 Leser pro Ausgabe zu pushen." Im Zusammenhang mit der Mediaprint-Klage gegen den Falter stand sogar ein Volksbegehren im Raum: SOS Medienfreiheit. Daraus wurde immerhin ein Straßenfest in der Marc-Aurel-Straße.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

FALTER 49/18

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige