Theater Kritik

Anti-Reigen: Die Liebe als Illusion

Lexikon | SS | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Eine Frau (Petra Morzé) betritt die leere Bühne und erzählt ganz nüchtern und pragmatisch, dass sie sich scheiden lassen will. Nach 20 Jahren Ehe ist sie draufgekommen, dass sie und ihr Mann sich nie geliebt haben. Eine andere Frau (Sabine Haupt) verlässt mitten in der Nacht ihren Freund (Daniel Jesch), weil sie sich sicher ist: "Liebe reicht nicht."

In Joël Pommerats Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" werden 18 Liebesgeschichten erzählt, von denen keine einzige ein gutes Ende nimmt. In kurzen, abgeschlossenen Szenen verhandelt Pommerat Themen wie Hochzeit, Schwangerschaft, Freundschaft und Tod. Neun Schauspieler wechseln in der distanziert bleibenden Inszenierung von Peter Wittenberg rasant ihre Rollen. Meistens ist das bitterkomisch.

Eine Hochzeit platzt, weil der stoische Bräutigam (Markus Hering) alle Schwestern einer Familie geküsst hat, wie die entsetzte Braut (Dorothee Hartinger) feststellen muss. Eine Putzfrau (Dörte Lyssewski) bemerkt bei der Arbeit die über ihr baumelnden Beine nicht. Ihr Mann, von dem sie sich getrennt hat, hat sich erhängt, die Kolleginnen versuchen ihr den Anblick des Erhängten zu ersparen. Eine Prostituierte liebt einen Priester (Martin Reinke), der eine andere liebt, und ein Sohn, der in den Krieg ziehen will, löst einen Krieg zwischen den Eltern aus.

Das graue, karge Bühnenbild von Florian Parbs passt zu den meist tragischen, mitunter grotesken Geschichten. Grelle, mit der Illusion brechende Lichtbalken fahren über die Bühne und trennen die einzelnen Szenen, die manchmal fast Sketch-Charakter haben, voneinander. Dazwischen gibt es Lieder, gesungen im Paillettenkleid.

Etwas lang ist dieser pathosfreie, unterkühlte Abend, dessen Titel einem schon zu Beginn verrät: Die Liebe ist wie Nord-und Südkorea - unvereinbar.

Akademietheater, Fr 20.00


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