Norbert, der Profi

FPÖ-Kandidat Norbert Hofer dominierte den Fernsehwahlkampf. Was macht er anders?

Medien | ANALYSEGESPRÄCH: BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016


Foto: Youtube

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Norbert Hofer macht aus seiner Vergangenheit ein kleines Geheimnis. Von 1995 bis 1999 besuchte er Seminare wie Rhetorik, Kommunikation, Crash-Rhetorik, Team-Design, Medienarbeit, Projektmanagement und NLP – eine Kommunikationstechnik, die nicht nur in Therapien eingesetzt wird, sondern auch missbraucht werden kann, um andere Menschen zu manipulieren. Über viele Jahre arbeitete Hofer selbst als ausgebildeter Kommunikations- und Verhaltenstrainer.

All das stand lange auch auf seiner Homepage, wie eine Archivrecherche des Falter zeigt. Seit seiner Kandidatur sind diese Details aus dem Lebenslauf verschwunden.

Wie Rhetoriktraining in der FPÖ aussieht, kann man in den Seminarbroschüren der letzten Jahre nachlesen, die die blaue Parteiakademie herausgab. Freiheitliche konnten dort etwa am Seminar „Schlagfertig statt sprachlos. Wie Sie auch an heißen Wortgefechten kaltblütig bleiben“ teilnehmen, wo sie „Standardantworten: gut einstecken, blitzschnell kontern oder den bestgeeigneten Zeitpunkt nutzen“ erlernten.

Oder das Seminar „Provokation, Polemik und Killerphrase – Abwehr und Anwendung“, mit den Unterrichtsschwerpunkten „Eristrik, die Kunst des Zwietrachtsäens nach Schopenhauer“, „faire und unfaire Argumentationstechniken: Abwehr und Anwendung von verbalen Attacken, Untergriffen, Scheinargumenten“ und „Methoden, die dazu dienen, Ruhe zu bewahren“.

Dass die FPÖ mit 35 Prozent vergangene Woche ihr historisch bestes Ergebnis auf Bundesebene einfuhr, ist nicht nur dem Flüchtlingsthema geschuldet. Es liegt auch an Hofers souveränen Auftritten im Fernsehen. Die Auseinandersetzungen mit seinen Kontrahenten – so zeigen es zumindest Umfragen nach den TV-Duellen – hat er dominiert.

Aber was macht er anders?

Der Falter besucht Walter Ötsch in Linz. Ötsch ist nicht nur Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte, er ist auch Kommunikationstrainer, hat „Das Wörterbuch für NLP“ geschrieben und sezierte im Jahr 2000 den Kommunikationsstil von Jörg Haider.

Er erklärte damit in allen Einzelheiten die rhetorischen Tricks der FPÖ-Kommunikation. Über Norbert Hofer sagt er: „Ich habe selten einen so gut trainierten Politiker gesehen.“ Dann klappt er seinen Laptop auf, um vier Schlüsselmomente in Hofers Fernsehwahlkampf zu analysieren.

Hofer gegen Van der Bellen

Im ORF-Duell „Die 2 im Gespräch“ sitzen sich Hofer und der von den Grünen unterstützte Kandidat Alexander Van der Bellen gegenüber. Van der Bellen ist am Wort, er verschränkt seine Hände und streckt den Zeigefinger Richtung Hofer.

Alexander Van der Bellen: Ich halte Sie für eine Marionette von Strache und Kickl. Und das Nächste ist dann …

Norbert Hofer: Sie zeigen da mit dem Finger so böse auf mich.

Van der Bellen: Sorry.

Walter Ötsch: Durch seine Kommunikationsschulung besitzt Hofer ein hohes Wissen über die Wirkung von Körpersprache. Und er setzt es gekonnt ein. Hofer weiß, wie die nonverbalen Signale von ihm und seinem Kontrahenten auf den Zuschauer wirken. Indem er Van der Bellens Zeigefinger thematisiert, bringt er ihn dazu, dass dieser körperlich reagiert und seine Gestik verändert.

Das ist ein massiver Eingriff: Denn Hofer gibt seinem Gegner ein Kommando, und der befolgt es. Er hat damit gleichzeitig ein Dominanzsignal gesetzt und Van der Bellens Angriff unterbrochen. Van der Bellen sagt „Sorry“, lacht, aber seine Energie ist gebrochen, der Angriff ist weg und die Zuschauer haben inhaltlich den Faden verloren. Dass er sich hier von Hofer führen hat lassen, liegt daran, dass Van der Bellen beziehungsorientiert ist. Er kommuniziert normal und will ein Gespräch führen. Die FPÖ hingegen zielt mit ihrer Kommunikation darauf ab, einen Dialog zu verhindern.

Hofer bei der Wahlfahrt

In der ORF-Wahlfahrt fährt ORF-Journalist Hanno Settele mit den Spitzenkandidaten durch Österreich. Das Politainment-Format zielt darauf ab, den Politiker unterhaltsam vorzustellen.

Hanno Settele: Was ist geschehen bei ihrem Paragleit-Unfall?

Hofer: Das ist eine blöde Geschichte (…) Man knallt am Boden auf. Ich war damals sehr austrainiert, Gott sei Dank, hab alles angespannt, aber die Knie fahren einmal hinein in die Rippen. Dann brechen einmal die Rippen. Mit dem Steißbein auf den Boden und dann sind fünf Wirbel gebrochen. Dann liegst du da und spürst deine Beine nicht mehr. Dann weißt du eh schon, was los ist. (…) Es war zuerst der Befund Querschnittlähmung komplett.

Settele: Puh.

Ötsch: Hofers Unfall ist eine schlimme Geschichte, auf einer persönlichen Ebene verdient er unser Mitleid. Aber das hat nichts mit dem Wahlkampf zu tun. Er macht aus einem höchstprivaten Schicksalsschlag eine öffentliche Inszenierung und zeigt vor, wie man eine Geschichte erzählt. Er spielt seinen Unfall mit seinem ganzen Körper nach, der Zuschauer kann sich so besser in seine Situation versetzen. Er schafft es, Settele und das Publikum zu rühren.

Genau das ist die Idee. Wenn jemand eine bewegende Geschichte mit einem teilt und der dadurch gerührt wird, knüpft er damit ein Band. So entsteht Freundschaft. Die hohe Kunst eines guten Rhetorikers ist es, jemanden in die Gefühlswelt zu führen. Die FPÖ macht Gefühlspolitik. Meist mit Wut, in diesem Fall mit Mitleid.

Die Wahlfahrt zeigt auch, wie wandlungsfähig Hofer ist. Er stellt sich auf das Fernsehformat ein. In anderen ORF-Sendungen attackiert er den ORF als Staatsfunk, aber hier verläuft das Gespräch mit dem ORF-Journalisten völlig amikal. Der Journalist und er bewegen sich im Einklang, wenn der eine nach links schaut, schaut der andere auch nach links. Hofers Körperhaltung sagt: „Bitte hör mir zu.“ Und Settele verstärkt durch seine Kommentare den gefühlsmäßigen Impact. Hätte die FPÖ einen Werbeclip gedreht, hätte sie’s nicht besser machen können.

Hofer gegen Hundstorfer

Im ORF-Format „Die 2 im Gespräch“ kommt es zu mehreren Schlagabtauschen zwischen Hofer und dem SPÖ-Kandidaten Rudolf Hundstorfer. Sie beide rittern um Wähler aus dem Arbeitermilieu.

Rudolf Hundstorfer: Sind Sie jetzt wirklich bereit, sich von Ihrer Burschenschaft zu distanzieren, die in ihrer Festschrift drinnenstehen hat: „Die Nation Österreich ist eine Fiktion“.

Hofer: (Lacht.)

Hundstorfer: Ist Ihnen das ein Lachen wert? Wirklich? Für mich ist die Nation Österreich keine Fiktion. Und ich würde Sie dringlich bitten, da auch etwas klarzustellen.

Hofer: Sie sind heute derartig verzweifelt und deprimiert. Als ich Sie gesehen habe vor sechs Wochen, waren Sie noch ein fröhlicher Mensch und heute sind sie derartig verbissen und deprimiert. (…) Es steht in den Statuten überhaupt nichts davon, dass Österreich keine Nation ist. Und ich weiß, Sie tun sich schwer beim Unterscheiden. Sie haben ja schon 2006 oder 2005 als ÖGB-Verantwortlicher eine Anwesenheitsliste unterschrieben (…) und haben damit 1,5 Milliarden Euro an Gewerkschaftsgeldern überwiesen.

Ötsch: Das ist ein Beispiel dafür, wie Hofer auf Vorwürfe reagiert. Wenn ihn jemand angreift, lacht er. Das Lachen ist antrainiert. Es dient dazu, konventionelle Gesprächsmuster zu durchbrechen. Normalerweise würde man sich empören, aber Hofer lacht und signalisiert, der Vorwurf sei lächerlich und der, der ihn vorbringt ebenso.

Die Vorwürfe beantwortet er nie inhaltlich, sondern macht stattdessen eine Reihe von Manövern. Er sagt, „in den Statuten“ seiner Burschenschaft stehe nichts davon, dass Österreich keine Nation sei. Die Rede war aber von einer Festschrift. Das ist so, wie wenn er auf den Vorwurf „Im oberen Zimmer liegt eine Leiche“ mit dem Satz „Im unteren Zimmer liegt überhaupt keine Leiche“ antwortet. Danach kommt sofort der Angriff auf die Person. Es geht nicht mehr um Hofers Haltung zu seiner Burschenschaft, sondern um irgendwelche Machenschaften von Hundstorfer.

Hundstorfer reagiert darauf, sie begeben sich in ein Hickhack und reden nur noch über den Vorwurf gegen Hundstorfer. Je mehr Zeit ein Angegriffener mit dem Vorwurf verbringt, desto unglaubwürdiger wird er. Ich nenne die Strategie der FPÖ „Wirbelmachen“, denn auf eine sachliche Frage kommt meist ein Stakkato an Vorwürfen, oft sind sie sehr persönlich – etwa Hundstorfer sei „verbissen“. Dieses Kommunikationsmuster der FPÖ dient der Zerstörung des Dialogs.

Hofer agiert dabei ähnlich wie damals Jörg Haider und heute Heinz-Christian Strache, aber im Gegensatz zu diesem ist er souveräner. Hofer hat eine völlig kontrollierte Körperhaltung und zeigt fast keine mimische Regung. Für manche mag das wie eine Maske wirken, aber es vermittelt Autorität. Je ruhiger jemand ist, desto überlegener wirkt er. Den Körper ruhig zu halten ist ein Hochstatus-Signal.

Hofer in der Elefantenrunde

In der ORF-Elefantenrunde stehen alle Kandidaten, nur Hofer sitzt in der Mitte. Grund ist seine Behinderung, die die FPÖ im Wahlkampf immer wieder betont. Die Diskussion leitet ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher.

Ingrid Thurnher: Herr Hofer, würden Sie als Bundespräsident in diesen Tagen kommentieren, dass wieder 500 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind?

Hofer: Das hab ich schon getan, weil das etwas ganz Schreckliches ist.

Thurnher: Als Bundespräsident würden Sie’s auch tun?

Hofer: Ja, auch in dieser Funktion. Weil klar ist, dass ein falsches Signal ausgesandt worden ist. Das, was Merkel getan hat, „wir schaffen das“, hat ja erst dieses Problem mitverursacht. Dass viele Menschen mit einer Hoffnung kommen und dann aber erkennen müssen, dass wir das eben nicht schaffen. Wozu ich mich aber auf jeden Fall geäußert hätte, wäre dieser Deal mit der Türkei. Ich halte das für ganz fürchterlich. Da wird am Weltfrauentag mit Gummigeschoßen auf Frauen geschossen …

Ötsch: Hier zeigt sich, wie unterschiedlich sein Mitleid ist, wenn man vergleicht, wie lange er über seinen eigenen Unfall spricht, aber wie zynisch er die Frage über 500 Ertrunkene im Mittelmeer beantwortet. In der Gefühlspolitik der FPÖ gibt es WIR – die Österreicher – und DIE – die Fremden. Mit den DIE hat die FPÖ niemals Mitleid, die 500 Todesopfer spielen für sie keine Rolle. Hofer beginnt seine Antwort auf die Frage, ob er sich zu den Ertrunkenen äußern würde, mit dem Satz: „Das hab ich schon getan, weil das etwas ganz Schreckliches ist.“

Die Zustimmung ist ein rein rhetorischer Trick, damit er nicht Nein sagen muss und als hartherzig dasteht. Nach dem Satz würde man erwarten, dass er Mitleid zeigt. Aber er dreht alles mit einem Halbsatz um. Im Fachausdruck heißt das Reframing, man kann lernen, sofort so zu kontern. Er nimmt sich aus der Frage raus, was er brauchen kann und stellt sie in einen anderen Kontext.

Mit der Formulierung „weil klar ist“ schafft er eine Kausalkonstruktion, die zwar völlig unlogisch ist, aber die die Zuseher durch das „weil“ mitnimmt. Viele merken gar nicht, dass er von etwas ganz anderem redet. Nämlich von Merkel, der Türkei, Frauen und Gummigeschoßen. Kommunikation ist wie Kartenspielen, er spielt zügig drei bis vier Karten und ist sofort bei anderen Themen, nämlich bei denen, über die er reden will.

Dabei hat ausgerechnet er kurz davor den Satz gesagt: „Ich gebe ehrliche Antworten, wenn ich gefragt werde.“ In Wahrheit macht er genau das Gegenteil. Solche Sätze dienen nur dazu, sich selbst in die Höhe zu heben.


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