Selbstversuch

Und das ist arg, das ist mir klar

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Zuerst die gute Nachricht: Die Wiener Bäder haben offen. Jetzt die schlechte: so ziemlich alles andere. Das Wetter. Die Politik. Der Wahlkampf. Und dass man gerade so wahnsinnig aufpassen muss, was man sagt, postet oder mit Kreide auf eine Tafel schreibt, weil man entweder von nicht so willkommener Seite vereinnahmt oder aber von einem Shitstorm weggedingst wird, dass es einen nur so beutelt.

Da dürfe man eben nicht so empfindlich sein, heißt es, wer die Nase zum Fenster hinaushalte, müsse damit rechnen, dass es draufregnet. Gut ja, und wenn man in den Medien arbeitet, weiß man das eh. Dafür wird man quasi bezahlt, aber dennoch, auch wenn man schon Jahrzehnte im Geschäft ist, eine dicke Haut hat, seine Kundschaft kennt, ist es manchmal hart, verletzend und schwer auszuhalten. Früher: Da hat man was Kontroverses geschrieben und fünf Tage später hatte man zwei oder drei mit Schreibmaschine getippte Briefe in der Büropost, die von den besonders wütenden Wutbürgern waren einzeilig und satzweise mit rotem Farbband getippt. Jetzt machst du ein unüberlegtes privates Facebook-Posting und wirst von einem wütenden Kommentar-Mob weggeblasen, so schnell schaust du gar nicht. Oder du schreibst etwas auf deine eigene kleine Menü-Tafel, vor deinem eigenen kleinen Lokal, keine Beleidigungen, eigentlich drückst du nur einen gar nicht maßlosen Wunsch aus, und die Hölle schlägt über dir zusammen.

Kürzlich hat einer der Teenager seine Meinung unter einem Youtube-Video einer Wahlkampfdebatte formuliert. Ich hab dem Teenager gesagt, er soll das lieber nicht tun, weil man's da mit Leuten und Reaktionen zu tun bekommen kann, denen man psychisch nicht gewachsen ist. Ich hab gesagt: Behalte deine Meinung hier lieber für dich. Und das ist arg, ich weiß das: dass man seine Kinder dazu erzieht, die Goschn zu halten, auch wenn es eigentlich richtig wäre, sie aufzureißen. Aber in bestimmten Foren ist es einfach klüger, seine Ansichten nicht zu formulieren, weil das Debattieren und Diskutieren mit einer bestimmten Klientel sinnlos ist, beziehungsweise: weil sofort, ohne eigenes Zutun, Hass generiert wird, Beleidigung und Bedrohung, wo man eigentlich nur ganz erwachsen Argumente austauschen wollte. Und eine Frau, die etwas mit Kreide auf ihre eigene Tafel vor ihrem eigenen Lokal schreibt, wird plötzlich von Medien durch Sonne und Mond geprügelt. So geschieht es einem, wenn man mal ganz spontan eine Meinung hat.

Und davor will man die Heranwachsenden schützen, weil es da um weit mehr als die Freiheit der eigenen Meinung geht: Es geht darum, sie davor zu bewahren, sich schmerzhafte Watschen und schwer heilende Verletzungen einzufangen, von Leuten, die sich hinter Masken verstecken und verbale Waffen einsetzen, die man seinen Kindern nicht in die Hand geben möchte, in einer Schlacht, in die man sie nicht schicken will.

Aber he, die Bäder haben endlich offen.


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