W. A. Mozarts "Eyes wide shut"

Eine verworrene "Entführung aus dem Serail" an der Oper Graz

Lexikon | HERBERT SCHRANZ | aus FALTER 18/16 vom 04.05.2016

Mit dem von Kaiser Joseph II. in Auftrag gegebenen Deutschen Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" (1782) gelang es Mozart, seine Rolle als maßgeblicher Komponist in Wien zu festigen. Es handelt sich um repräsentative Staatskunst, wie sie die weltlichen und geistlichen Herrscher Europas für ihre Glorie und zum Verkünden ihrer Ideologie einsetzten. Im Fall von Joseph II./Mozart ist es der aufgeklärte Absolutismus, der in der toleranten Haltung Selim Bassas (in Graz Martin Dvorak - tanzend) verkündet wird. Gerade der militärische Machthaber des einstigen großen - und ab 1788 wiederkehrenden -muslimischen Feindes wird zum Verkünder von Vernunft und Toleranz; eine Situation, der gerade in der heutigen weltpolitischen Lage vieles abzugewinnen wäre.

Diesen Grundansatz umschifft die Würzburgerin Eva-Maria Höckmayr in ihrer Inszenierung aber weiträumig durch Rückzug in Innerlichkeit und Traum. Die Protagonisten Belmonte (Mirko Roschkowski) und Konstanze (Sophia Brommer) verlassen ihr modernes Schlafzimmer nicht, in dem Konstanze ihre Entführung (als Verführung) bloß träumt und Belmonte sinnierend wacht. Eine zweite, riesige Nachtkastenlampe markiert offenbar die Traumwelt im Bühnenhintergrund (Bühne: Esther Dandani). Es fällt schwer, der Handlung zu folgen, da sich Traumgeschehen und Bühnen-Wirklichkeitsebene räumlich viel zu unscharf trennen lassen. Bald wird aus dem Publikum der wohl mitinszenierte Ruf laut "Wo bleibt Mozart?!"

Dirigent Dirk Kaftan antwortet: "Hier kommt er, die ganze Zeit schon!" Das gilt vollauf für das Orchester und alle Sänger und Sängerinnen, darstellerisch speziell für Manuel von Senden, als Pedrillo von packender Spannkraft. Die Bühnendeutung allerdings opfert politische Relevanz einem verwirrenden Porno-Spektakel, das aus Kubricks "Eyes Wide Shut" Motive bezogen hat. Die Augen möchte man vielleicht für Mozarts Wundermusik "weit schließen".

Oper, Graz, Mi 19.30


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