"Werner Hofmann steht für Moderne"

Eine Mumok-Schau zeigt die beiden wichtigen Strippenzieher der Nachkriegsmoderne

Lexikon | INTERVIEW: MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 19/16 vom 11.05.2016


Foto: MUMOK

Foto: MUMOK

Das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Mumok) ist auch ein großes Archiv. Viktor Matejka (1901–1993), kommunistischer Kulturstadtrat nach dem Zweiten Weltkrieg, übergab dem Museum noch zu Lebzeiten eine Sammlung von Zeitungsausschnitten, die die Kunst und Kulturpolitik von den 1950er- bis in die 70er-Jahre dokumentieren. Die Ausstellung „Wir Wegbereiter. Pioniere der Nachkriegsmoderne“ stellt dem Matejka-Archiv eine zweite Persönlichkeit gegenüber, den Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Werner Hofmann (1928–2013).

Hofmann war Gründungsdirektor des Museum des 20. Jahrhunderts, das 1962 im Gebäude des heutigen 21er Hauses eröffnet wurde. Die Kunsthistorikerin Susanne Neuburger, die gemeinsam mit Marie-Therese Hochwartner die neue Mumok-Ausstellung kuratierte, erklärt im Gespräch den Sinn des Projekts und wie sich Archive ausstellen lassen.

Falter: Frau Neuburger, wie kam es zu dieser Ausstellung?

Susanne Neuburger: Wir haben in den vergangenen Jahren größere Schenkungen von Archiven bekommen. Dazu gehört das Archiv des Filmemachers Ernst Schmidt jr. und der fotografische Nachlass von Heimrad Bäcker, ein Konvolut von über 3500 Objekten, die Mauthausen und Gusen als Orte der Verbrechen des Nationalsozialismus dokumentieren. Das erste Archiv, das wir bekommen haben, war jenes von Viktor Matejka, der 1979 dem damaligen Direktor Dieter Ronte 300 Kuverts mit Zeitungsausschnitten übergeben hat. Nachdem wir die Materialien in den letzten Jahren aufgearbeitet haben, wollten wir das Archiv nun auch einmal zeigen.

Wie kann man dem Publikum etwas so Langweiliges wie ein Archiv schmackhaft machen?

Neuburger: Das haben wir uns auch gefragt, und daher ist die Idee geboren worden, das erste Archiv der ersten Sammlung gegenüberzustellen, die Werner Hofmann ab 1959 angekauft hat. 1962 gab es die große Eröffnungsausstellung im 20er Haus und 1969 ging er nach Hamburg. In dieser Zeit hat er rund 300 Werke gekauft. Hofmann hat sie als Lehrsammlung angelegt, in der die wesentlichen Richtungen der Moderne vertreten sind: Expressionismus, Kubismus und Futurismus, konstruktive Tendenzen und Bauhaus. Dada und Surrealismus sind mit Max Ernst oder René Magritte vertreten.

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit diesem Thema am meisten interessiert?

Neuburger: Am spannendsten finde ich dabei die vieldiskutierte Frage nach den Kunstavantgarden nach 1945. Was muss die Kunst tun, um nach der NS-Zeit ihre Würde und gesellschaftliche Relevanz wieder zu erlangen? Wir stellen der Schau eine Textarbeit von Gerhard Rühm, Oswald Wiener und Konrad Bayer, Mitgliedern der Wiener Gruppe, voran. Die Avantgarde ist gemeint, wenn es heißt: „immer weiter immer weiter schreiten wir wegbereiter“.

Wie werden Sie die Sammlung präsentieren, die Hofmann für
das Museum zusammengetragen hat?

Neuburger: Wir simulieren ein Schaudepot mit großen Stellwänden und zeigen auch die Skulpturen als Hofmanns großes Anliegen. Plakate und Fotos dokumentieren Hofmanns sonstige Veranstaltungsschwerpunkte, etwa die Architektur und den Tanz. Der Tanzavantgardist Merce Cunningham war auf seine Einladung in Wien, außerdem Picassos Galerist Daniel-Henry Kahnweiler und Theodor W. Adorno. Die Ausstellung geht über zwei Ebenen. Auf der einen ist Hofmann zu sehen, auf der anderen das Matejka-Archiv, umgeben von der Kunst der 60er-Jahre der Mumok-Sammlung.

Wofür stehen Viktor Matejka und Werner Hofmann?

Neuburger: Die beiden hatten wenig miteinander zu tun, das Thema Sammeln ist eine Brücke. Hofmann steht für die Moderne, die er den Österreichern vermitteln wollte. Matejka steht für historische Aufarbeitung und für die Rückholung der von den Nazis vertriebenen Künstler. Er hat sich etwa bemüht, dass Kokoschka aus dem englischen Exil zurückkommt. Kokoschka hatte den Plan, mit seinem Bruder am Stadtrand von Wien ein landwirtschaftliches Anwesen zu mieten, um dort eine Malschule zu gründen. Das ist ihm nicht gelungen. Später gründete er stattdessen in Salzburg die Sommerakademie Schule des Sehens. Ein Erfolg Matejkas war es, dass Kokoschka mit einem Porträt des späteren Bundespräsidenten Theodor Körner beauftragt wird, der damals noch Bürgermeister von Wien war. Matejka hat gesagt, er sei nicht für die Kunst da, sondern für die Künstler. Er hatte ein unkonventionelle Auffassung von Kunstförderung. Der Künstler kommt, Matejka hilft, die Theorie ist ihm nicht so wichtig. Sein Einsatz war für einen Politiker außergewöhnlich.

Mumok, 12.5. bis 5.3.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige