Selbstversuch

Ach, scheißts euch doch nicht an


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 19/16 vom 11.05.2016

Vor längerem, wie ich einmal einen zynischen Abend hatte, sagte ich, dass ein bisschen Drogenszene dem Brunnenmarkt nicht schadet: Das halte Reich & Schön fern und damit die Wohnungspreise in einem für eine Mittelschicht noch leistbaren Niveau, es verhindere die drohende Kampf-Gentrifizierung des Grätzels. Das sage ich nicht mehr.

Der Brunnenmarkt ist von der Drogenszene wirklich versaut, und seit dem Mord und allem, was man über den Täter weiß (unbedingt die exzellente Klenk-Reportage dazu auf Seite 16 lesen!), wird es nicht mehr wie vorher. Am Dienstag bin ich kurz vor Mitternacht über den Brunnenmarkt heim; als ich am Mittwoch aufwachte, las ich von dem Mord. Den Teenagern, die schon lange nicht mehr gern allein über den Brunnenmarkt gegangen sind, weil sie immer von den Cornerboys mit den tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen erschreckt und angezischelt und angepfiffen worden sind, habe ich vorher immer gesagt: Ach, scheißts euch nicht an, die nerven und sind unangenehm, aber ungefährlich. Einfach weitergehen, nicht in die Augen schauen, ignorieren, die tun nix. Ich sage das immer noch, aber ich weiß seit jetzt nicht mehr, ob es stimmt.

Und ich weiß wie so viele, die in der Gegend wohnen und die Gegend lieben, nicht so recht, wie das jetzt weitergeht. Ich liebe den Brunnenmarkt, seit ich vor 20 oder 25 Jahren zum ersten Mal da war. Damals gab es türkische Lokale und türkische Marktstände, an denen Gemüse verkauft wurde, das Türken aßen, und Schafkäse und Oliven, derlei, sonst fast nichts. Jetzt kann man am Markt an fast jedem Stand Artischocken kaufen, Kerbel und Estragon und drei verschiedene Sorten Spargel. Früher kriegtest du nicht einmal einen Rucola. Ich bin froh, dass es jetzt Artischocken und Rucola gibt, weil es ein Symptom dafür ist, wie sich der Brunnenmarkt zu einer großartigen Vielfalt hin verändert hat. Dass dort jetzt auch Leute wohnen, die dergleichen essen, in guten Wohnungen, die sich auch junge Familien leisten können, auch das gab es früher nicht. Früher gab es Spekulationshäuser mit verfallenden Substandardwohnungen oder schon hochspekulierte Superwohnungen, dazwischen gab es nichts.

Das gibt es jetzt dank guter Stadtplanung. Und deshalb gibt's jetzt auch nicht mehr nur das Kent, den Club CI, das Engelmaier und das Gasthaus Müller wie früher, sondern auch das La Salvia, das Wetter, das Truksits, und das ist gut. Und jede Woche ein weiteres Lokal, die Stadtplanung könnte jetzt schön langsam einmal Stopp sagen, es braucht nicht noch ein Terrassencafé mitten am Markt gebaut zu werden, das ungeliebte Ottakringer-Haus am Platz des früheren Marktamtes hat schon mehr als gereicht. Ich fand schon länger, es reichte dann langsam mit der Gentrifizierung, es drohte zu kippen, nur dank der Türken, die den Markt noch immer gut im Griff haben, wird der Brunnenmarkt nicht zur schicken Schnöselmeile. Aber die Drogen machen ihn kaputt, die Drogen müssen weg.


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