Erscheinungen Personen, Trends, Kampagnen

Wenn das Wir nicht hilft

Medien | FERNSICHT: MAXIMILIAN ZIRKOWITSCH | aus FALTER 19/16 vom 11.05.2016

Es ist dramatisch genug, wenn Politiker an die Bevölkerung appellieren und dabei das Volk meinen. Nach den Anschlägen in Paris (welchen eigentlich?) sollten Wertebekundungen abgegeben werden, und nachdem den zuständigen Behörden die Versorgung der Flüchtlinge entglitten war, wollte man Schulter an Schulter mit der Zivilgesellschaft, eigentlich dem natürlichen Feind jeder Obrigkeit, marschieren.

Die Marschrichtung wurde mit den letzten Asylgesetznovellen klar. Niederschlag findet dieses Buhlen auch in den Zivilcourageimperativen von ORF, "Helfen wie wir", und Puls 4, "Puls 4 hilft helfen. Nur gemeinsam geht's".

Unter Zivilcourage werden in Österreich vorrangig Akte der öffentlichen Erziehung verstanden und nicht die des Widerstandes aufgrund ethischer Prinzipien. Mit der zunehmenden Umgestaltung der österreichischen Gesellschaft zu einer österreichischen Gemeinschaft ("Wir" resp. "gemeinsam") können Formen der Selbstermächtigung ebenso wenig geduldet werden wie offener Widerspruch.

Wenn das Fernsehen sich mit der Zivilgesellschaft gemein macht, gibt es viel zu gewinnen - für Private, Öffentlich-rechtliche und Zivile. Wenn sie allerdings die Entwicklung zur Gemeinschaft vorantreiben, spalten sie.

Niemand muss helfen, und wer es tut, wird nicht Teil eines Wir, das Medien vorgeben. Das ist nämlich nicht Zivilgesellschaft, sondern Marktanteil.

Beifall erntet so, wer sich selbst überwindet und die eigene Anpassungsleistung nun auch von anderen einfordert. Zivilcourage bedeutet nicht, jemanden mit 140 km/h - "Zehn Perzent Toleranzgrenze!" - rechts zu überholen, "damit er's endlich lernt!".


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige