Ohren auf Musik zur Kunst

Was Picasso malte und was Thomas Bernhard sah

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 19/16 vom 11.05.2016

Der blaue Vorhang, den der Albumtitel zitiert, diente dazu, eine Reproduktion von Pablo Picassos berühmtem Bild "Guernica" im UN-Sicherheitsrat zu verhüllen, als der amerikanische Außenminister Colin Powell im Februar 2003 der Welt weismachen konnte, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. "Blue Shroud" (Intakt) wurde im Oktober 2015 beim Ad Libitum Festival in Warschau mitgeschnitten. Das neue 14-köpfige Ensemble von Barry Guy kombiniert hier die beiden musikalischen Interessen des britischen Bassisten und Bandleaders: freie Improvisation und Barockmusik.

Wobei Letztere nicht nur durch den Einsatz von Oboe, Serpent und Violine (Guys Lebensgefährtin Maya Homburger), sondern auch durch Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Heinrich Ignaz Franz Biber präsent ist: notengetreu und ohne "jazzige" Überformung exekutiert -so, als müsste man auf historisches Material zurückgreifen, um in dieser von kristallinen Kontrasten, fragmentierten Einzelstimmen und Savina Yannatous aufwühlender Stimme bestimmten Komposition einige Enklaven tröstlich-traurigen Schönklangs einzuschleusen.

Ebenfalls live eingespielt und ebenfalls 71 Minuten lang ist das Album "What Thomas Bernhard Saw" (Catalytic Sound), das der hyperaktive US-Saxofonist und Widmungsweltmeister Ken Vandermark mit seinem Tentett Audio One eingespielt hat. Was der Nebenerwerbsbauer zu Nathal gehört hätte: Vier wunderbar abwechslungsreiche, klanglich von Jason Adasiewicz' flirrend-perkussiven Vibes geprägte Stücke, die sehr unterschiedlich organisiert und gestimmt, aber dennoch allesamt überaus sinnlich sind. Während das melancholische "Uitgraving" (for Willem de Kooning) viel Luft lässt zwischen introvertierten Solos und Tutti-Fade-ins, schwingt sich das finale "Tape"(for Robert Irving) zu prachtvollst groovender Euphorie auf.


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